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Schreib über Altona

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»Reichtum in Altona« – Kurzgeschichten aus der Schreibwerkstatt

Sie leben und arbeiten hier. Altona ist ihr Stadtteil, ihr Kiez, ihr Quartier, ihre Nachbarschaft und ihr Lebensraum. Während der literatur altonale haben ausgewählte BewohnerInnen unter Anleitung des Hamburger Storytellingtrainers Jörg Ehrnsberger eine Kurzgeschichte zum Thema »Reichtum in Altona« geschrieben – angelehnt an das Leitthema der diesjährigen altonale. Die Kurzgeschichten wurden im Rahmen des Festivals in der Bücherhalle Altona präsentiert – und nun auch online. 

Welche Arten von Reichtum birgt Altona? Welche Geschichten lassen sich zu diesem Thema an diesem Ort erzählen? Altona wird hier zum fiktiven Labor, literarischen Schauplatz und Imaginationsraum. Die Autorinnen und Autoren haben sich ihren Stadtteil literarisch angeeignet und ihm neue Geschichten eingeschrieben.

In den Geschichten geht es um Freundschaft und soziale Status, finanzielle Armut und geistigen Reichtum, verschüttete Träume und goldene Käfige, den Kampf um einen Park in Groß Flottbek und um einen bedeutenden Morgen in Ottensen 1992, das Leben auf der Straße und »umstrittene« Bäume in Blankenese – und immer wieder um die Würde des Einzelnen, für die ja die Literatur in ganz besonderer Weise brennt. 

Lesen Sie selbst! Gute Unterhaltung und herzlichsten Dank an die Autorinnen und Autoren der Schreibwerkstatt: Sonja Baer, Anke Blacha, Lena Boßmann, Yohana Rahel Hirschfeld, Armin Jäger, Maßliebchen, Helga Mietz und Jochen Stüsser-Simpson. 

Das Projekt wurde gefördert von der Bodo Röhr Stiftung.

Zwei mittelalte Männer sitzen am linken Fenstertisch im Weinlokal »Zur Traube«. Das tun sie jeden ersten Dienstag im Monat. Der eine spricht. Der andere fummelt hektisch ein brummendes Smartphone aus der Tasche seines Sakkos und blickt auf das Display.

»Entschuldige, da muss ich ran«, unterbricht Max. Florian wendet sich ab, nimmt die Papierserviette aus dem Besteckkorb, zupft kleine Fetzen aus ihr und formt sie zu Papierkügelchen. Ein Kügelchen nach dem anderen reiht sich auf, während Max eine hitzige Debatte über das Material von Dachterrassengeländern führt. Alu, Edelstahl – oder doch Ganzglas?

»Sorry, das war der Architekt! Wir haben doch die drei Ferienwohnungen am Darß gekauft. So, jetzt aber!«, Max lässt sein Smartphone wieder in die Innentasche gleiten. »Wie lief deine Ausstellung in Bad Salzuflen?«

Florian kehrt die Papierkügelchen mit einem Handstreich auf und ballt sie alle in der Faust zusammen. Dann öffnet er die Hand, schaut in das bröckelige Gebilde und sagt: »Max, das mit uns, das geht nicht mehr.«

»Wie bitte?! Was ist denn mit dir los!«

»Nichts. Ich glaube ganz einfach, dass unsere Freundschaft zu Ende ist.«

»Spinnst du?«, Max lässt das Glas mit seinem Lieblings-Chablis nun endgültig sinken. »Du bist doch wie mein Bruder!«, kommt es fast flehentlich. »Niemand weiß so viel über mich wie du, nicht einmal ich selbst! Unsere Freundschaft, das ist doch … der Fels in der Brandung.«

»Max, ich kann mir diese Freundschaft einfach nicht mehr leisten.« Florian sagt das klar und deutlich, als hätte er genau diesen Satz zig Mal einstudiert wie ein Schauspieler vor einer schwierigen Rolle.

»Ich zahle das doch, überhaupt kein Problem!« Max macht dabei eine ausschweifende Geste über den französischen Vorspeisenteller für zwei, der gerade behutsam in der Tischmitte landet.

»Genau das ist das Problem«, sagt Florian, »dass das alles überhaupt kein Problem für dich ist.« 

»Flo, wenn du Hilfe brauchst. Ich weiß, dass figürliche Abstraktion gerade nicht so geht. Das hat doch nichts mit deinem Talent zu tun! Ich verfolge das alles sehr genau, auch wenn ich in deinen Augen vielleicht nur ein gelackter Anwalt bin. Ich bin mit vielen Leuten im Gespräch. Deine Zeit wird kommen, glaub mir!«

»Mag sein,« sagt Florian tonlos.

»Und weißt du, es hat nie genügt, einfach nur genial zu malen. Geniales Selbstmarketing gehört eben dazu. Schau dir Picasso an, der hat sich perfekt inszeniert! Oder weißt du noch, der Typ zwei Klassen unter uns, der jetzt ganz groß ist, na, wie heißt der noch, der mit dem Hitlergruß und so, na, Jonathan Meese!«

»Miesss«, sagt Florian. »Wird englisch ausgesprochen, sein Vater kam aus Wales.«

»Genau, der gute alte Johnny! Der hat‘s drauf. Du, da fällt mir ein: Ich hab noch ein Weihnachtsgeschenk. Damals in meiner Burnout-Phase, da hat mir doch dieser Coach wahnsinnig geholfen. Der könnte dir jetzt echt auch guttun. Du, der arbeitet nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen! Das hat mir mehr gebracht als die ganze Pyschokacke! Der arbeitet nur am Habitus, also Körpersprache, Haltung, Stimme …«

»Max, hör auf!«, ruft Florian. Die Serviettenpapierkügelchen auf der Tischplatte zittern. Das Paar am Nebentisch verstummt und äugt zu ihnen hinüber. »Ich brauche sowas nicht!«

»Was brauchst du denn dann«, seufzt Max. 

»Ich brauche einen kompletten Neuanfang«, murmelt Florian und umschließt seine Serviettenpapierkügelchenkugel wieder mit der Faust.

»Neuanfang! Sehr gut! Du, wenn Du eine Auszeit brauchst: Unsere Wohnung im Harz, da habe ich ein Atelier für Paula einbauen lassen. Bleib da, so lange du willst – Oberlicht, herrlicher Blick, beheizter Pool. Optimal für …«

»Max!«, unterbricht Florian. »Ich leide nicht unter meiner Erfolglosigkeit. Ich leide unter dir!«

Max lässt den Chablis wieder sinken. 

»Was? Was habe ich dir denn getan!«

»Nichts. Aber dein Leben und mein Leben – Mensch, wir sind beide längst völlig anders unterwegs und du merkst es nicht. Wenn ich etwas gebraucht hätte, dann einen Freund, der in die gleiche Richtung aufbricht, einen, der denselben Gipfel vor sich sieht. Und der genau weiß, wie es sich auf unsicherem Gelände anfühlt. Du bist doch längst woanders hin abgebogen, kapierst Du das nicht!«

Max zieht sein Smartphone aus dem Jackett und fängt an zu tippen.

»Was soll DAS jetzt? Eine SMS an deinen beknackten Architekten?«

Der Akkord einer Flamencogitarre scheppert aus dem Smartphone. Dann noch einer. Dann kurze, knisternde Stille. Und dann setzt sie ein, dieser unverwechselbare Sound aus einer mal traurigen, mal wütenden Trompete. Das Weinlokal implodiert lautlos mit all seinen Gästen. Die zwei Freunde blicken sich an, längst in einem Garten am Mittelmeer gelandet. Sternenklare Nacht und salzdurchtränkte Hitze.

»Das ist unsere Hymne gewesen, Flo«, sagt Max.

»Ich weiß. Cap d’Antibes. Neunzehnhundertachtundachtzig«, ergänzt Florian.

»Das Stück höre ich heute noch!«, bekräftigt Max.

»Und? Was verbindest du heute damit«, fragt Florian.

»Das gleiche wie damals. Die totale Freiheit! Weißt du noch, die alte Villa direkt am Meer? Und diese beiden Exilrussinnen aus Paris? Wie hieß die eine doch gleich, mit der du es auf dem nackten Felsen getrie-«

»Miles Davis«, sagt Florian, tief in die Musik versunken. «Das Album ist seine Liebeserklärung an Rodrigos Konzert von Aranjuez.«

»Stimmt, der gute Miles hatte es mit Spanien«, ergänzt Max.

»Als Rodrigo dieses Konzert schrieb, hatte seine Frau eine Totgeburt. Die Erinnerung an den Garten von Aranjuez spendete ihm Trost. Dort war er mit seiner Frau immer spazieren gegangen, als die Welt noch heil und verheißungsvoll war«, erzählt Florian weiter.

»Aha«, sagt Max, neugierig heben sich seine Brauen.

»Das Album höre ich beim Malen ständig in mir selbst. Es ist das Echo meines Lebens. Lara hatte einen Hirntumor und nur noch zwei Monate. Sie wollte noch einmal das Meer sehen und das Chagall-Museum in Nizza. Und sie wollte noch einmal jemanden lieben, jemanden ‚richtig ganz verschlingen‘, wie sie sagte. Ich habe ihr versprochen, immer weiter zu malen, komme was mag. Deshalb male ich, und ich sterbe dabei. Tag für Tag. Ganz sanft. Weil ich seither nichts mehr richtig will. Weil damals das, was ich um alles in der Welt wollte, nicht sein durfte. Wie bei Rodrigo. Eine unendliche Strecke voller Trauer, auf der man durchaus auch Schönheit entdeckt.«

»Ich verstehe«, sagt Max, und nickt bedächtig.

Florian tupft den Doppelstrich auf dem Display. Die Musik verstummt. Mit einem Schlag ist wieder winternasser Boden unter ihnen. Florian blickt Max fest ins Gesicht.

»Du verwendest diesen Satz viel zu oft und voreilig«, sagt er. »So viel Verständnis hast du gar nicht, du tust nur so! Deine Victoria, mit der du es auf dem Felsen getrieben hast, um in deiner Sprache zu bleiben: Sie lebt auch nicht mehr. Die beiden hatten ein Krankenzimmer geteilt. Gib’s auf, Max. Du warst vor zwanzig Jahren schon nicht richtig bei mir. Steh doch dazu und geh ohne mich weiter. Bitte.«

»Ich verstehe.« Max erhebt sich, drückt Florians Kopf kurz und unbeholfen an seine Brust und sagt: »Machs gut, Flo.«

Dann verschwindet er aus Florians Blickfeld. Er hört noch die Begriffe »Zusammen« und »Bewirtungsaufwandsquittung«. Die alte Holztür presst beim Zufallen einen Luftzug herein. Die Kerzen an den Tischen flackern. Florian starrt in die Flamme. Sie kreiselt panisch und zieht sich dann bis auf einen winzigen Lichtpunkt zurück. Florian hält den Atem an, bis sie sich wieder fängt und steht. Kerzengerade, ruhig und hell. 

»Kann das weg?«, fragt eine Stimme neben ihm. Die junge Frau mit den Tellern auf dem Unterarm blickt unsicher auf die Serviettenpapierkügelchen. 

»Kann weg«, erwidert Florian.

Die beiden lächeln sich an. Das wäre noch so eine Geschichte, die in Altona passieren könnte.

In der Ferne an der Ufermauer entdeckte Georg Wilhelm Hansen den bunten Fleck, der sich an diesem grauen Tag wie ein Signal vom tristen Strand abhob. Das Zelt war ihm schon seit Tagen ein Dorn im Auge gewesen. Ein kalter Wind aus West schlug ihm entgegen. Er drehte seinen Rücken in den Wind. Die Elbe lag grau und trist im Morgennebel, Regen tropfte von dem Holzhaufen, aus dem das Osterfeuer später entzündet werden sollte. Seine Frau hatte heute schon früh das Haus verlassen. Sie hielt die Eröffnungsrede beim Rotary-Club-Treffen. Danach würde sie, wie jedes Jahr, auf ihre Terrasse mit Elbblick zum Umtrunk einladen, von der aus man in erlesener Runde das Osterfeuer bestaunen und sich an den bereits aufgestellten Heizpilzen bei Glühwein erwärmen konnte. 

Er vergrub seine Hände tiefer in den Taschen seines handgenähten Mantels, das Kinn im Lammfellkragen und marschierte zum Zelt. Er spürte die Wärme in seinen Taschen. Groll stieg in ihm auf. Wieso musste das Zelt ausgerechnet hier stehen? Der Gedanke, seinen Geschäftspartnern und Freunden erklären zu müssen, wieso dort dieses Zelt stand, missfiel ihm. Es würde nur zu Diskussionen führen. Und die konnte er heute nicht gebrauchen. Probleme wollte er an diesem Abend ausblenden. Denn davon hatte er schon genug.

Auf der Isomatte vor dem Zelt saß ein Mann. Seine roten Hände zitterten vor Kälte. Zu Hansens Erstaunen las er ein Buch, dessen zerfledderten Umschlag er nicht erkennen konnte. Er schaute zu ihm auf. Wie ein Schutzschild drückte er das Buch mit überkreuzten Armen vor seine Brust. 

Der Dreck unter den Fingernägeln und seine schmutzige und von Löchern durchfressene Jacke – Hansen ekelte sich vor dem Mann und vor sich selbst. Mit der ihm verbliebenen Höflichkeit murmelte er: »Sie können hier nicht bleiben. In drei Stunden möchte ich Sie bitten, hier verschwunden zu sein.« 

»Kommt nicht in Frage, Alterchen! Hier ist mein Zuhause. Nur die Klingel ist gerade kaputt. Und wenn sie heil wäre, hätte ich die Tür nicht geöffnet! Wir sind jetzt Nachbarn.« Der Mann schien sich zu freuen. Hansen schaute in eine große Zahnlücke. 

»Wir sind überhaupt nichts! Sie verlassen in drei Stunden diesen Ort!« Hansen wiederholte sich ungern, schäumte innerlich vor Wut. Er brüllte, was er nicht beabsichtigt hatte. Er war es gewohnt, dass die Menschen taten, was er sagte. Der Westwind trieb den Nieselregen elbaufwärts. Schweigen breitete sich aus. Am Ufer bellte klagend ein Hund. Als könnte ihn dies vor der unerträglichen Stille schützen, schlug Hansen seinen Kragen hoch. 

»Und jetzt?«, fragte der Mann vor dem Zelt. »Bleibst Du hier stehen?« »Warum tun Sie nicht, was ich Ihnen sage?« Hansen wollte es drohend zischen, aber es klang nach einer Frage. Er hatte sich auf Gezeter bei der Räumungsaktion eingestellt, auf betrunkenes Gebrüll, aber nicht auf souveräne, sympathische Gegenrede. »Weil ich bevorzuge, es nicht zu tun. Weil ich ein freier Mensch bin«, sagte der Obdachlose mit fester Stimme. Diese Antwort traf Hansen unvorbereitet und mit voller Wucht.

»Sie haben Herman Melville gelesen?« Hansen konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Die Antwort des Mannes klang wie ein lupenreines Zitat seines Lieblingsschriftstellers. 

Seit Jahren hatte er keinen Gedanken mehr an Bartleby, den Schreiber aus der New Yorker Wall Street verloren, der sich allem entzog, indem er bevorzugte, die Aufgaben nicht zu tun. Ich bevorzuge, es nicht zu tun! Es war genau dieser Satz, den Hansen seinen Eltern entgegnete, wenn sie ihn baten, etwas zu tun, das ihm lästig war. Er erinnerte sich daran, wie er in seinem Spielzimmer umringt von Holzspielzeugen stand. Er wollte nicht aufräumen. »Ich bevorzuge, es nicht zu tun!« entgegnete er seinem zornigen Vater, der dann seufzte und seine Mutter herbeirief. Irgendwann hatte Hansen aufgehört, sich aufzubäumen. Irgendwann hatte er begonnen, das zu tun was man von ihm erwartete. Es war dieser Satz von Melville, den Hansen sich bei seinem Vater abgehört hatte. Erst viel später, als er lesen konnte, begriff Hansen, dass es ein Zitat war, das sein Vater selbst stets mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln anführte. Und dass er nachgeplappert hatte. Und Moby Dick! Als Kind hatte Hansen dieses Buch verschlungen, sodass er vor Jahren ein besonders seltenes Exemplar mit Widmung des Autors für die Familienbibliothek hatte kaufen lassen. Seitdem hatte er es nie wieder angerührt. Es war seine Erinnerung an glückliche Kindheitstage. Jetzt verstaubten sie im Bücherregal. Er wollte das Buch besitzen. Nur darum war es ihm gegangen. Scham stieg in ihm auf. Scham für seine eigenen Vorurteile und die kleine Welt, in der er sich nun gefangen sah. Schon als Kind war es sein Traum gewesen, mit einem Segelboot die Welt zu umrunden. Warum hatte er es nie getan? Warum hatte er sich stets dem gefügt, was man von ihm erwartete? Er sehnte sich nach Freiheit.

»Wer kennt denn nicht Melville?«, sagte der Mann mit fester Stimme. »Er war ein großartiger Schriftsteller.« Gedankenverloren nickte Hansen. »Und woher bekommen Sie Ihre Bücher?« Er erhob sich mit wackeligen Beinen und Hansen streckte ihm die Hand entgegen. Er konnte nicht anders. »Georg Wilhelm Hansen, ich wohne oben am Ufer«, stellte er sich vor. »Ich bin Eddie«, antwortete fröhlich der Mann. »Wo ich wohne, weißt Du ja schon.« Sein Händedruck war fest und kalt. 

»Wo waren wir stehen geblieben? Bei den Büchern, richtig…« fing Eddie die Stille auf. »Ich sammele sie auf vor den Haustüren. Ist immer mal wieder etwas Lesbares dabei.« Hansens Blick fiel auf das zerfledderte Buch, das Eddie sich eben noch vor die Brust gehalten hatte. Es war in den Sand gefallen, als er aufstand. »Was lesen Sie jetzt?« »Jetzt gerade lese ich ‚Der alte Mann und das Meer’ von Hemingway. Es lag in einem Hausflur in Ottensen. Deswegen mein neues Quartier hier unten am Wasser. Ich hatte Fernweh.« Hansen lächelte. Er konnte es gut verstehen. Er konnte Eddie gut verstehen. Wer war eigentlich freier? Eddie oder er? Wie frei war er überhaupt? Hatte er sich diese Frage jemals gestellt? Er nahm sich vor, noch vor dem Osterfeuer sein Melville-Exemplar aus der Bibliothek zu holen. Eddie zu verscheuchen, ging jetzt nicht mehr. Zu viele Fragen schwebten plötzlich in der Luft und breiteten sich aus wie große Wolken. 

»Eddie, ich möchten Ihnen nicht zu nahe treten, aber würde Ihnen sehr gern meine Gartenlaube zur Übernachtung anbieten. Sie hat eine Heizung und ein Bett und eine Leselampe finde ich auch noch.« Sein Schamgefühl ließ ihn jetzt ein wenig aus dem Schwitzkasten. Erleichtert schaute er Eddie in die Augen. 

»Ich danke Dir für dieses Angebot, Alterchen!« Aber ich habe mir diesen Platz ausgesucht, weil ich wirklich an das Meer wollte, weil ich mich hier frei fühle.« Eddie ließ sich wieder auf seine Isomatte fallen. 

Seltsam entrückt und tief in Gedanken versunken, grub Hansen seine Hände in die Taschen seines Mantels. Der Regen legte sich wie ein nasser Film auf sein Gesicht. Er hatte die Haushälterin noch anzuweisen. Am Abend suchte er vergebens den bunten Fleck an der Ufermauer. Er war verschwunden. 

Benji stellte den Vogelkäfig auf den Hocker, der neben ihm stand und lehnte sich erschöpft an die Bar. Die beiden Blaupapageien hatten etwas Schlagseite abbekommen, nach einem rasant-spektakulär anmutenden Rückwärts-Auspark-Manöver. Hätte Benji vorher von den zwei blinden Passagieren im Kofferraum gewusst, hätte er mehr aufgepasst, dass der Käfig nicht durch die Gegend fliegt. Schon allein, um sich das Gekrächze zu ersparen. 

An den Barkeeper gewandt: »Ich hätte gern einen Espresso mit einem Schuss Soja-Milch. Ich stell‘ das hier kurz ab. Ist das ein Problem?«
»Nein, kein Problem. Kannst alternativ auch Mandel-, Reis- oder Hafermilch haben. Ziegenmilch is‘ grade aus.« 

»Dann nehm‘ ich Mandel-Milch. Und die Vögel sind ok?«
»Klar. Hier trudeln öfters schräge Vögel ein. Seht etwas mitgenommen aus, was Kleiner? Wo kommst’n her?«
Der Barkeeper stellte eine Schale ungesalzener Erdnüsse auf den Tresen. »Keine Ahnung. Övelgönne durch. Rosengarten, Philosophenweg, drei mal an der Eulenstraße vorbei. Beim vierten Mal hatt‘ ich kein Bock mehr. Jetzt bin ich hier gelandet.« 

»Und warum hattest‘ kein Bock mehr?« Benji knirschte mit den Zähnen.
»Weil ich kein Bock mehr hab. Geht ja schließlich nicht darum, oder gegen ihn oder so, sondern um den Fakt an sich. Aber das versteht er nicht. Onkel Ole kann sich seine Geflügelfarm an den Hut stecken. Das Teil werd ich ganz bestimmt nicht übernehmen.« – »Hühner oder so was?« – »Ja, aus dem Alten Land.« – »Und was sagen die Eltern?« – »Weiß nicht. Sind im Amazonas verschollen, seit ich fünf bin.« – »Und seit dem beim Onkel, ja? Was hast’te gegen Hühner?« – »Ich bin Veganer.« – »Seit wann?« – »Das fragt Onkel Ole auch jedes Mal. Seit ich 12 bin.« – »Und jetzt willst’te weg. Und wo soll’s hingehen?« – »Keine Ahnung. Erst mal los.« – »Brasilien?« – »Nein, Dänemark. Und dann mal schauen.« – »Welt kennen lernen, wie?« – »Das wär‘ das Beste.« 

Durch das wogende Ölsardinen-Gedränge des Menschenmeeres schiebt sich eine junge Frau an den Tresen. »Sorry, darf ich mal? So Jacky, jetzt mal Soja-Butter bei die Tofu-Fische«, flötete sie fröhlich in ihr Handy. »Genuch gezaudert. Jetzt komm mal in die Puschen. Ist hier zwar immer noch ein bisschen eng auf den Bürgersteigen … ja, und den Straßen … und den Bussen … und in den Wohnungen. Da auch, jaa … Aber der Blick vom Altonaer Balkon auf die Autobrücke ist doch weit genuch. Und das ist doch viel günstiger. Dann muss ich mir kein Bahnticket kaufen. Irgendwo treiben wir schon ein Zimmer auf. Komm zur guten alten Trischa und dann wird das schon … Wie? Was stell ich mir zu einfach vor? – Oha, die sind ja toll! … Ja, hier schleppt so’n Typ zwei Hyazinth-Aras mit sich ‚rum. Wie geht’s? Ihr seht ein bissl‘ mitgenommen aus.« 

Aus dem Leute-Gewühl schiebt sich ein großer Hund mit gedeckt aschweiß-graubunt geflecktem Fell, um sich zur Gruppe zu gesellen. »Oooo … ähm … macht der was?« Benji warf dem Nasentier einen verunsicherten Blick zu. »Nein, nein. Wir treffen hier öfters schräge Vögel. Henri ist da ganz abgeklärt.« – »Und was ist das für einer?« – »Ehemaliger Straßenhund aus dem Tierschutz. War gleich klar, dass der mit uns kommt. Passt farblich super in unser Inneneinrichtungskonzept.« Das Hundetier hob die Nase Richtung Gefieder und schaute in die Runde. Papagei B warf Hund H einen schiefen Blick zu. Als er sah, dass nichts weiter passierte, legte sich Henri vor den Barhocker und sah ansehnlich aus, während er in sich ruhte. Die restlichen Barbesucher bewunderten ihn aus angemessenem Abstand. Henri gehört zu denen, die aus Respekt von anderen instinktiv gesiezt werden. 

Trischa grinste den irritierten Benji an. »Du siehst aus, als ob du zum ersten Mal ’nen Erwachsenen siehst«, lachte sie und deutete auf den Hund. »Ja, ja. Einer muss ja den Erwachsenen spielen, nicht wahr Jacky? … Was?! … Wen nennst du hier ’nen Kindskopf?! Also echt mal Jacky … Wie bitte?! Was soll das heißen, ich werd einfach nur alt? So eine haltlose Unterstellung! Pass mal ein bisschen auf, was du da von dir gibst, junges Fräulein. … Oh nein! Glaub ja nicht, dass du so einfach aus der Nummer rauskommst. Deine Altklugheiten kenn‘ ich zur Genüge. Die hab ich schon leiden gelernt. Ich will immer noch, dass du herkommst. – Und Kleiner, was machs’te hier?« Benji warf Trischa einen schiefen Blick zu. »Pause«, kommentierte er. »Ja, ja. So was ist wichtig, nicht war Jacky?« Trischa fuchtelte mit dem großen, schweren Kasten in ihrer Hand herum. Drahtlos telefonieren Generation 1. Benji und Barkeeper wichen etwas zurück. Ganz klar. Bei einem Zusammenstoß würde das Mobiltelefon gewinnen. »Warum bist du denn mit diesem alten Ding unterwegs?«, fragte Benji, nachdem er knapp einem linken Haken ausgewichen ist. »Pfff … Das ist nicht alt. Das ist Retro. Mag mich halt nicht von Dingen trennen, die ich lieb gewonnen hab. Stehst wohl öfter’s auf der Leitung, was?« – »Bitte was?« Benji starrte Trischa entrüstet an. Sie gab Henri eine ungesalzene Erdnuss. »Ja, ja, Jacky. Der Kleine ist wohl grad in der Findungsphase.« – »Na das sagen die Richtigen,« bemerkte Benji genervt. »Ja, ja. Has’te recht Jacky. Naives austesten ist wichtig für die kindliche Entwicklung. Da fallen kleine Tollpatsche schon mal hin. Zum Glück gibt’s heute schnurlose Telefone.« – »Du weißt doch nicht mal, worum’s geht«, brummte Benji neben Trischa vor sich hin. Sie griente ihn an: »Na, da haben wir beide was gemeinsam.« Benji rollte genervt mit den Augen und wich der herum gewirbelten Antiquität aus. »So was muss ich mir von ’ner alten Schachtel nicht sagen lassen.« Trischa feixte vor sich hin: »Ja, ja. Darum sag ich dir das. Wichtige Sachen sind wichtig. So wie Jacky, nicht wahr Jacky?« – »Wieso, ist die auch Retro«, fragte Benji trocken. Das Handy lachte blechern. 

»Lässt dir wohl nich‘ so einfach die Butter vom Brot nehmen«, bemerkte der Barkeeper. Benji gab jedem Vogel eine ungesalzene Erdnuss. An den Barkeeper gewandt: »Ist ja nicht so schwer. Ich bin Veganer. Ich hab keine Butter auf dem Brot.« An Trischa gewandt: »Oder willst du mir jetzt die Vorzüge von veganer Butter erläutern?« Trischa schaute ihn fragend an. »Warum? Wegen vorhin? Ach, das war nur so’n Spruch. Aber sach‘ mal, du hast da aber auch zwei Schätzchen mit dabei.« – »Ja«, nickte der Barkeeper, »die kriegst’te sicher gut verscheuert.« Ara A warf Barkeeper B einen schiefen Blick zu. »Wo hast’n die her«, erkundigte sich Keeper B. »Haben meine Eltern als Nestlinge mitgebracht, als ich drei war.« – »Und warum bis’te mit denen los?« – »War nicht geplant. Waren noch im Auto. Mein Onkel war mit denen bei der jährlichen Papageien-Inspektion.«- »Dein Onkel kümmert sich wohl.« – »Ja, seit Jahren. Tag ein, Tag aus.« Der Barkeeper nickte. »Und jetzt wird’s flügge. Verstehe. Und was jetzt?« – »Keinen Schimmer.« – »Is‘ dir wohl noch kein Licht aufgegangen. Brauchs’te ’ne Taschenlampe?« Der Barkeeper wühlte in einer Schublade hinter’m Tresen. 

Benji schaute ihn an. »Bin hier wohl in ’ne Motto-Party rein gestolpert. Willkommen in der Wortspielhölle.« Trischa tippte sich nachdenklich gegen die Nase. »Das kommt mir bekannt vor. Das hast du von ’nem Poetry Slammer geklaut.« Benji nickte geständig. »Bei Kultur ist es wichtig was mitzunehmen. Das stand da so im Raum, da dacht‘ ich mir, das kann ich gebrauchen. Das lass ich mitgehen. Hat super zu Ironie und Sarkasmus gepasst. Die hab ich schon eingesackt gehabt. Die Leute haben ganz irritiert gekuckt, als die das Wort nicht mehr auf dem Zettel hatten.« – »Mmmhhh«, meinte Trischa dazu. »Ist doch kein Problem. Dann wird das Wort beim Vorlesen spontan improvisiert«, hakte sie nach. »So einfach ist das nicht«, erwiderte Benji. »Beim laut Vortragen ertönt jedes Mal ein durchdringender *Piep*-Ton aus den Katakomben des Bühnen-Off-Äthers.« Der Barkeeper runzelte nachdenklich die Stirn. »Warum reden wir da jetzt drüber?« Benji zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist jetzt auch nicht das Thema. Wollt ich einfach mal gesagt haben.« Der Barkeeper nickte. »Und was ist das Thema?« Benji schnaufte. »So geht’s nicht weiter.« Der Barkeeper nickte und verschränkte nachdenklich die Arme. »Und jetzt suchs’te ’nen Platz, wo du dein Ding machen kannst. Ohne die ander’n.« Benji zog die Nase kraus. »Ich such eher ’nen Weg, mein Ding zu machen. Zusammen mit dem Ding der Anderen.« Der Barkeeper nickte. »Manchen macht ’ne extra Wurscht halt keine Freude.« Benji zog eine Augenbraue hoch. »Schon wieder das Veganer-Ding?«
Der Barkeeper lachte. »Is‘ ja auch wurscht. Hast dir also schon was vorgenommen, wo’s mit der Reise hingeht. Und wie geht’s jetzt weiter? Hast schon ’ne Idee?« – 

»Kein Plan«, murrte Benji vor sich her. Der Barkeeper nickte. 

»Wenn nich‘ klar is‘, von wo’s kommt oder wohin’s geht, hilft’s, zu schauen, was grad‘ is’» – »Und wie ist die Situation im Moment?», fragte Benji ungeduldig. »Gibt halt vieles, was du nicht weißt», sagte der Barkeeper gelassen. »Und? Was weiter? Was denn jetzt», knurrte Benji gereizt. Der Barkeeper nickte gelassen. »Treffen sich ein veganer Hühnerfarm-Erbe, zwei blaue Großschnäbel und ein Telefon an der Bar – sagt der Barmensch – das Birdland muss schließen. Tukan Tohruu sucht neues Zuhause.» Benji schaute ihn an. »Klingt verwirrend», kommentierte Benji gelangweilt. »Birdland, was soll das sein? Hör ich zum ersten Mal. Was hat das jetzt damit zu tun? Komm auf’n Punkt.» Der Barkeeper nickte. »Tja. Denk, ist Zeit weiter zu ziehen. Die Öffnungszeiten sind ‚rum. Für heute machen wir zu. Dann macht mal los. Bis zum nächsten Mal.» Benji seufzte und nickte. Er packte sein Zeug und ließ Trinkgeld da. Die Türglocke klingelt. 

»Beehr’n Sie uns bald wieder.» 

In Groß Flottbek steht ein denkmalgeschütztes Backsteinensemble, eine ehemalige Schule, deren Räume zu Wohnungen umgestaltet wurden. In einer dieser edlen Wohnungen sitzen am Abendbrottisch Björn und Annika Harmsen mit ihrer Tochter Vivian.

»Wisst ihr, was Lasse Albrecht heute erzählt hat?«, platzt Vivian heraus, während ihre Mutter den Tee eingießt. »Nein, aber du wirst es uns gleich sagen«, schmunzelt Annika.

»Lasses Vater arbeitet im technischen Rathaus und der hat mitgekriegt, dass da, wo der Cranachpark ist, neu gebaut werden soll. Sein Kollege muss nämlich die Ausschreibung machen.« 

»Was soll denn da gebaut werden?«, fragt Björn überrascht.

»Eigentumswohnungen, sagt Lasse, aber das Grundstück muss erst noch verkauft werden.«

Vivian macht eine Pause und spielt gedankenverloren mit ihrem Besteck. Dann holt sie tief Luft: »Das ist unser Park. Die können doch nicht einfach die Bäume abholzen. Das können wir uns nicht gefallen lassen.«

»Und?«, Björn lehnt sich in seinem Stuhl zurück, »was willst du dagegen tun?«

»Ich werde eine Initiative starten«, sagt Vivian keck und lädt sich eine doppelte Portion Gemüselasagne auf ihren Teller. 

Björn, der durch seine Anwaltstätigkeit Erfahrungen mit Verwaltungsabläufen hat, ist überzeugt, dass ein Ausschreibungsprozess, wenn er einmal angestoßen wurde, nicht aufzuhalten ist.

»Vivian«, hebt er an und versucht einen begütigenden Ton anzuschlagen, »Wohnraum wird in unserer Stadt dringend gebraucht und wenn die Verwaltung dieses Gelände für verkaufswürdig hält, wird das schon seine Richtigkeit haben.«

»Wo sollen wir denn spielen«, ruft Vivian empört, »wir können doch nicht jedes Mal bis zur Elbe laufen, um uns zu treffen und überhaupt, wir brauchen die Bäume zum Atmen, sie sorgen für gesunde Luft.«

»Mit diesen Argumenten willst du Mitstreiter finden und die Verwaltung überzeugen? Das ist naiv. Bei solchen Entscheidungen spielen Zusammenhänge eine Rolle, die du nicht ohne weiteres durchschauen kannst.« Björn hört schon seine Kollegen: »Naaaa, dein Töchterchen ist ja eine ganz Versponnene. Von wem hat sie das nur?«

»Vivian, ein bisschen Bewegung kann euch nicht schaden. Und was die Bäume betrifft: an den Straßen stehen doch genug davon.«

»Papa, du bist ja genauso ein Umweltbanause wie die Baubonzen.« Vivian springt von ihrem Stuhl auf.

»Wie sprichst du denn mit deinem Vater?«, mischt sich Annika ein, die bisher eher teilnahmslos am Tisch gesessen und gar nicht richtig zugehört hatte. Vivian ignoriert sie.

»Papa, wir haben eben nicht genug Bäume. Bäume wandeln doch CO2 in Sauerstoff um und filtern Feinstaub und Schadstoffe aus der Luft.« Sie lässt sich zurück auf den Stuhl und ihr Besteck auf den Tisch fallen. »Ich habe keinen Hunger mehr. Darf ich aufstehen?«

»Nein, darfst du nicht«, antwortet Björn und das Abendessen verläuft in bedrücktem Schweigen. Annika gibt sich unbefangen und versucht mit der Frage: »Was war denn sonst noch so los?« die Stimmung aufzulockern, doch Vivian blickt stumm vor sich hin und verschwindet, als ihre Mutter beginnt, den Tisch abzuräumen, in ihrem Zimmer.

Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, stützt das Kinn in die Hände und starrt aus dem Fenster.

»Er glaubt also, ich verstünde nichts von der Welt«, denkt sie und stampft unwillkürlich mit dem Fuß auf. Und als es ihr auffällt, gleich noch einmal. »Im nächsten Jahr komme ich in die Siebte und außerdem bin ich in der Vorbereitungsgruppe für unser Projekt »Natur und Gesellschaft«. Sie nimmt einen DIN A4 – Bogen aus ihrem Drucker und beginnt mit einem Entwurf: »Kommt zum Ahornfest – Der Cranachpark muss bleiben.« Blatt um Blatt füllt sie; mit keinem ist sie zufrieden. Als der Papierkorb mit zerknüllten und zerfetzten Bögen gefüllt ist, packt sie entmutigt ihre Schultasche für den nächsten Tag, beschließt, schnell noch eine WhatsApp an ihre Freundinnen zu senden und sich dann im Bett einzurollen.

***

Gegen Mitternacht legt Björn die Wochenzeitung beiseite. Er kann sich nicht recht auf die Themen konzentrieren. Immer wieder geht ihm die Auseinandersetzung am Abendbrottisch durch den Kopf und lenkt ihn von der Lektüre ab. Seine bisher Argumenten zugängliche Tochter war nicht wieder zu erkennen. »Was ist geschehen?«, fragt er sich, »Ist sie unter schlechten Einfluss geraten?« So aufsässig hat er sie heute zum ersten Mal erlebt. Annika ist ebenso ratlos wie er, aber auch alarmiert. Bisher war das Leben in der Familie ohne große Störungen verlaufen. Und nun dieser Ausbruch. Sie möchte sich gar nicht vorstellen, dass es der Beginn einer Serie von Auseinandersetzungen sein könnte.

***

Am nächsten Morgen begegnen sich Vater und Tochter in der Küche. Es gibt keine Abweichung vom üblichen Verlauf. Sie wünschen sich einen Guten Morgen. Dann hängt jeder seinen Gedanken nach. Björn schaltet wie üblich das Frühstücksfernsehen ein und lehnt sich mit verschränkten Armen gegen den Weinklimaschrank. Vivian hängt wie üblich mit der Nase über ihrem Müsli. Ein so früher Morgen eignet sich nicht für eine Diskussion.

Annika ist noch im Schlafzimmer; ihr Tag beginnt später.

Vivian denkt an ihren Traum: Wo ihr Park mit den üppigen Ahornbäumen gewesen war, ist nur noch eine Brache. Sie muss kilometerweit zu einem anderen Park laufen. Sie läuft und läuft, ganz allein. Dann schnappt sie sich einen Roller, hetzt von Häuserblocks gesäumte Straßen entlang, kurvt um Ecken; doch der Park bleibt unerreichbar weit entfernt.

Auf dem Flachbildschirm sieht man Bilder von jungen Menschen. »2000 Schüler und Studenten demonstrieren für Klimaschutz« steht auf dem Nachrichtenticker am unteren Bildrand. Vivian blickt kurz auf den Bildschirm, nickt ihrem Vater zu und greift mit einem knappen »Ich muss los« zu ihrer Schultasche.  Als sie an ihm vorbeigeht, beugt er sich zu ihr hinunter und bekommt einen trockenen Kuss auf seine noch unrasierte Wange. Seine Hand ruht kurz auf ihrem Oberarm und gleitet bis zu ihrem Handgelenk hinunter, während sie sich auf die Tür zu bewegt. Dort dreht sie sich zu ihm herum: »Übrigens, Papa, 2050 bin ich 43, so alt wie du jetzt.« Diese Information trifft ihn wie ein Schlag. Er starrt auf den Bildschirm. Die Tür fällt ins Schloss. Das Foto eines Mädchens mit Zöpfen, das in die Sonne blinzelt, wird eingeblendet. Björn stutzt: »Das ist doch dieses schwedische Klimakind. Wieso ist die so oft in den Medien?« Ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen, schiebt er sich zur Espressomaschine, stellt eine Tasse unter die Düsen, drückt auf »Doppelter Espresso« und stellt den TV-Ton lauter, um das Mahlgeräusch und das Gurgeln des Kaffees zu übertönen. Nun dämmert es ihm: »Fridays for Future«. Ob daher Vivians Antrieb kommt, sich für den Schutz des Parks und der Bäume einzusetzen?

»Bin gespannt, was dahintersteckt.«, murmelt er, während er in seinem Kalender Freitag, den 10. Mai aufruft. Nur ein Termin am Nachmittag; den kann er problemlos verschieben. Noch ein Blick auf Vivians Stundenplan: Kein Nachmittagsunterricht. Das trifft sich gut.

Er wird sie heute von der Schule abholen.

Das Telefon klingelte um 6:30 Uhr und Noemi hätte beinahe das Tischchen neben dem Bett umgeschmissen bei dem Versuch, es zum Verstummen zu bringen. Stattdessen rutschte nur die Wählscheibe des Telefons auf die Ziffer Eins, um unter leichtem Klacken wieder in ihre Ruheposition zurück zu sinken. Draußen war es schon hell, musste sie feststellen. Das Telefon klingelte störrisch weiter. Also aufgeben und sich zum Hinsetzen zwingen. Einen Augenblick saß sie mit geschlossenen Augen und versuchte, ihren Widerwillen gegen das Aufstehen zu überwinden. Dann griff sie nach dem Hörer. Am anderen Ende ertönte eine aufgeregte Frauenstimme: »Na endlich! Hier Telefonkette Stadtteilplenum Ottensen. Am Bauplatz Hertie geht was ab. Wir treffen uns in zwanzig Minuten an der Ecke Kleine Rainstraße. Ruf sofort alle Telefonnummern auf deiner Liste an.» Klack! Wurde aufgehängt. Die Liste. Der Zettel hing im Flur irgendwo über dem Telefontisch. »Warum habe ich mich nur für diesen Unsinn eingetragen, eine Telefonkette, von der ich im Morgengrauen aus dem Schlaf gerissen werden kann?«, fragte Noemi sich. War jetzt aber nicht mehr zu ändern. Sie fischte sich den betreffenden Zettel aus den vielen Nachrichten ihrer Mitbewohnerinnen an der Pinnwand heraus und telefonierte die Liste ab, immer mit dem gleichen Satz: »Hier Telefonkette Stadtteilplenum Ottensen …« Die meisten Stimmen klangen genauso verschlafen wie ihre eigene. Dann machte sie sich einen Espresso, aß ein trockenes Stück Brot und machte sich auf den Weg zur Kleinen Rainstraße. 

So früh am Morgen war es im Stadtteil ziemlich ruhig, aber auch ungemütlich kühl und grau für einen Augusttag. Noemi fröstelte und von der Morgenstimmung war ihr leicht übel. Sie ging die Ottenser Hauptstraße hinauf und wollte am Ottenser Kreuz in die Große Rainstraße abbiegen. Aber dort standen zwei Streifenwagen, und mehrere Polizisten hatten die Straße abgesperrt. Kein Durchkommen. Noemi entschloss sich, einen Umweg zu probieren. Sie ging zurück bis zu dem kleinen Durchgang, der unter der Nr. 38 hindurch in die Hinterhöfe der Nöltingstraße und von dort in den Piependreiher Weg führte. Im Piependreiher Weg gab es einen Fußweg zwischen zwei Häusern, auf dem man direkt auf die Bahrenfelder Straße gelangte. Von dort aus waren es nur wenige Meter bis zur Kleinen Rainstraße, an deren Ende bereits eine größere Gruppe Menschen wartet. Es waren alles bekannte Gesichter, viele Mitglieder des Stadtteilplenums, mobilisiert durch die Telefonkette. Viele waren demonstrativ einheitlich gekleidet: Schwarze Lederjacken, schwarze Kapuzenpullover, schwarz gefärbte Bundeswehrhosen, schwarze Doc Martins-Stiefel oder Turnschuhe und schwarze Halstücher. Aus dieser Gruppe stach Noemi mit ihrer blauen Jeans und buntem Pullover deutlich heraus. Aber in einem waren sie sich mit allen einig, die hier zusammenstanden: Auf dem Bauplatz, der nach dem Abriss des Hertie Kaufhaus frei werden würde, durfte auf keinen Fall ein neues Einkaufszentrum errichtet werden. Der Protest gegen dieses Bauprojekt hielt jetzt schon seit einem Jahr an und es waren sehr viel mehr Menschen beteiligt als nur die Aktivistinnen des Stadtteilplenums. Viele Bewohnerinnen Ottensens fürchteten sich vor steigenden Mieten und höheren Preisen in den Geschäften. 

Wöchentlich waren Demonstrationen durch die Straßen von Ottensen gezogen, bunt zusammengesetzt und bunt gekleidet, häufig begleitet von Live-Musik und Noemi hatte keine davon verpasst. Sie hatte sich wohlgefühlt auf diesen Umzügen, wohler als bei den endlosen Diskussionen, in die sich das Stadtteilplenum jeden Sonntagabend erging. Aber echte Freundschaften waren bei den kleinen Nacht-Aktionen entstanden. Seit dem Frühjahr waren sie immer wieder in kleinen Gruppen zu dritt oder zu viert um 4:00 Uhr in der Nacht losgezogen, um wild zu plakatieren oder den Bauzaun in der Kleinen Rainstraße aufzuschneiden und die Reifen der Baufahrzeuge zu zerstechen. Noemi liebte diese Nächte. Nie fühlte sie sich so wach, so lebendig und konzentriert wie in diesen Stunden, in denen sie mit ihren Verbündeten durch ein dunkles und menschenleeres Ottensen schlich, durch eine tiefe Stille, immer auf der Hut vor einer Polizeistreife, um endlich ihre Wut wenigstens an einem Stück des Hertie-Baus auszulassen.

Ihre alten und neuen Freunde aus den Protestgruppen wussten wenig darüber, warum Noemi mit ihnen gegen das Bauprojekt protestierte. Das lag daran, dass niemand von ihnen wusste, und es auch niemanden interessiert hätte, dass das Gelände, das jetzt zum Bauplatz geworden war, früher ein jüdischer Friedhof war. Schon immer war er da gewesen, zwischen Ottenser Hauptstraße und Großer Rainstraße, lange bevor es diese Straßen gegeben hatte. Er gehörte früher der jüdischen Gemeinde von Altona, einer Gemeinde die mit ihren weltweiten Handelsbeziehungen Altonas Reichtum geschaffen hatte. Bis die Nazis kamen, die den Friedhof 1942 enteignet und auf dem Gelände zwei Luftschutzbunker errichtet hatten. Nach dem Krieg war es mit dem Friedhof unglücklich weitergegangen, die verarmte Jüdische Gemeinde von Hamburg hatte das Gelände verkauft. Das war alles rechtlich in Ordnung, nach deutschem Recht. Aber Noemi war nicht interessiert an diesem Recht. Sie wusste von dem Friedhof, weil Mitglieder ihrer eigenen Familie dort beerdigt waren, weil ihre Mutter sie mitgenommen hatte zu ihrer Großtante, die den Friedhof noch kannte. Bei dem Gedanken, dass unter dem Schotterboden hinter der Ruine des ehemaligen Kaufhauses noch Gräber lagen, Grabsteine und Gebeine, von den Nazis zugeschüttet, überkam Noemi das Bedürfnis, den ganzen Fuhrpark der Baufirma anzuzünden. 

Bis zu diesem Morgen war sie die einzige in der Stadt gewesen, die um den Friedhof in Ottensen trauerte. Als Noemi die Gruppe am Ende der Straße erreichte, konnte sie endlich sehen, warum die Telefonkette ausgelöst worden war: Es gab schon eine Demonstration in der Großen Rainstraße, und sie bestand weder aus schwarz-gekleideten Autonomen noch aus den alternativen Bewohnern des Viertels. Mitten auf der Fahrbahn standen und saßen etwa hundert Männer in aufsehenerregender Aufmachung. Sie trugen eng geschnittene, schwarze Mäntel, große schwarze Hüte, dazu Pluderhosen mit weißen Wollstrümpfen und Schnallenschuhe. Alle hatten lange Bärte und die meisten von ihnen deutlich sichtbare Schläfenlocken. Noemi hielt den Atem an. Sie konnte ihr Herz klopfen hören vor Aufregung. Das hier waren ultra-orthodoxe Juden, von der Sorte, wie sie sie als Mitglieder der Jüdischen Gemeinde nicht würde ausstehen können. Aber diese Männer gehörten nicht zur Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Sie konnten eigentlich nur zu einer Gruppe gehören: Atra Kadisha. Die Atra war eine internationale Organisation von Radikalen, die weltweit Proteste organisierte gegen Bauvorhaben auf ehemaligen jüdischen Grabstätten, denn nach jüdischem Recht waren Gräber für ewig. »Die Atra ist hier«, flüsterte Noemi, »ich fasse es nicht«. Zum ersten Mal in ihrem Leben freute sie sich, Ultra-Orthodoxe zu sehen. Am liebsten wäre sie zu den Männern hinübergegangen und hätte sie mit einer Umarmung begrüßt. Aber sie wusste, dass das unmöglich war. Ein ultra-orthodoxer Mann darf einer Frau noch nicht einmal die Hand zur Begrüßung geben. Aber jetzt war Noemi das egal. 

Um 7:00 Uhr trafen die Autos mit den Bauarbeitern am Ottenser Kreuz ein. Begleitet vom Gejohle und den Pfiffen der Ottenser Aktivisten diskutierten sie lautstark mit den Polizisten, ob sie bis zur Einfahrt des Bauplatzes vorfahren durften. Aber auch ohne Polizeiabsperrung wären sie auf der Großen Rainstraße nicht weit gekommen. Kurz darauf tauchte ein anderer Wagen mit Bauarbeitern in der Kleinen Rainstraße auf und fuhr im Schritttempo unter lautem Hupen auf Aktivisten und Rabbiner zu. Erfolglos. Niemand bewegte sich auch nur einen Zentimeter. Dafür hatte der anhaltende Lärm einen anderen Effekt: In den umliegenden Straßen waren inzwischen alle Nachbarn wachgeworden. Viele kamen hinunter auf die Straße, um nachzusehen, was vor sich ging. Gegen 7:30 Uhr waren so viele Menschen auf der Straße, dass das einzelne Auto mit den Bauarbeitern weder vor- noch zurücksetzen konnte. 

Einer der Rabbiner – anscheinend ihr Wortführer – ging auf einige der Anwohner zu, begrüßte zwei oder drei Männer mit Handschlag und wechselte einige Worte mit ihnen. Er hatte ein gewinnendes Lächeln und eine freundliche Art. Noemi beobachtete jeden seiner Schritte. Er sprach Jiddisch mit den Leuten. Offenbar ging er davon aus, dass sie ihn verstehen würden. 

Etwa eine halbe Stunde später änderten sich die Verhältnisse wieder. Auf der Bahrenfelder Straße fuhren die Ivecos der Bereitschaftspolizei auf. Behelmte Polizisten marschierten in die Große und die Kleine Rainstraße und begangen damit, sowohl die Rabbiner mit Gewalt von der Straße zu schieben, als auch Aktivisten und Zuschauer abzudrängen. Noemi wurde mit der Menge hin- und hergeschoben und langsam in die Große Rainstraße gedrängt. Von dort aus sah sie zu, wie der Einsatzleiter der Polizei auf den Anführer der Rabbiner zu ging. Sie drängte sich in die Richtung der Beiden, um ihr Gespräch mitanzuhören. Dabei geriet sie in eine Gruppe von Neugierigen auf dem Fußgängerweg. Einige davon kannte sie von den Info-Tischen in der Ottenser Hauptstraße. An jedem Samstagnachmittag hatte sie dort lange Gespräche geführt, über Kohleöfen und Nachtspeicherheizung, über die Preise auf dem Wochenmarkt und wo man jetzt etwas zum Anziehen kaufen sollte, wo es doch Hertie nicht mehr gab. 

Und da hörte sie es: »Euch hat man vergessen zu vergasen«, riefen einige Nachbarn hinter ihr und: »Juden raus«. Sie riefen es nicht laut, nicht laut genug um auf der ganzen Straße gehört zu werden. Es war dieses gedämpfte Rufen, das feige, bösartige Raunen im Rücken. Für einen Moment glaubte Noemi, sie würde keine Luft mehr kriegen, ersticken, aufhören zu denken, sich übergeben, das Gleichgewicht verlieren. Sie wollte weg von diesem Ort, aber sie konnte nicht, weil sie umringt war von Menschen.

Etwas Nasses landet vor Rudis Füßen. Weiß und schäumend zerfließt er, der fremde Speichel, und läuft in die Rillen des gefliesten S-Bahn-Bodens. Feuchte Sprenkel sind auf der schuppigen Haut seines Beines gelandet, die das hasserfüllte Nass durstig aufnimmt. Kaum wagt er es aufzuschauen, hoffend es handle sich doch nur um einen dieser Jugendlichen, die denken, ihre Coolness bemesse sich an der Frequenz ihres Auf-den-Boden-Spuckens. Aus den Augenwinkeln, den Kopf noch immer gesenkt, nimmt er tatsächlich zwei Halbstarke wahr, die sich gegenseitig unter Gelächter anrempelnd, aufstacheln und eine neue Idee auszuhecken scheinen, um Rudi anzugreifen. Da fährt die S-Bahn ein. Einen kurzen Moment überlegt er, ob es sich wirklich lohnt, einzusteigen, aber er muss noch etwas Geld zusammenbekommen, um Tilman heute Abend seine alte Matratze abzukaufen. Tauschen wollte er nicht, nur Geld, aber Rudi hat sowieso nichts, was er eintauschen könnte. All seine Besitztümer befinden sich in einem zerschlissenen Rucksack, den er immer bei sich trägt und sind lebensnotwendig. Also steigt er in die Bahn, die beiden Jugendlichen beeilen sich, in dasselbe Abteil zu gelangen, und kauert sich in die Ecke zwischen der Tür und der Glasscheibe, die den Einstiegsbereich von den Sitzplätzen trennt. 

Als der Zug Fahrt aufnimmt, setz sich auch Rudi in Bewegung und tut mechanisch das, was ihm niemand beibringen musste. Jeder kennt die Worte, hört, überhört sie Tag für Tag. »Hallo. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich heiße Rudi und bin zurzeit leider obdachlos. Wenn Sie etwas zu Essen, zu Trinken oder sogar ein wenig Kleingeld hätten, würde ich mich darüber sehr freuen.« Widerwillig hebt er, als er fertig rezitiert hat, den Blick. Der Mann neben ihm steckt ihm eine Banane zu. Immerhin etwas gegen den Hunger. Als er einen Schritt in die Reihe der Sitzenden machen will, stellt sich ihm einer der beiden vom Bahnsteig in den Weg. »Du bekommst hier nichts. Verreck‘ doch.« Man könnte meinen, nach langer Zeit der Obdachlosigkeit hätte er durch all den Hass und die Scham ein dickes Fell bekommen. Doch so viel Bosheit trifft ihn dennoch. Dies sind Kinder, keine Erwachsenen, die das Leben schon abgestumpft hat, sondern junge Menschen, die ihn trotzdem nicht mehr als solchen anzusehen scheinen. Unfähig, sich zu bewegen, starrt Rudi seinem Gegenüber ins Gesicht, der ihn mit unverhohlener Feindseligkeit anblickt. Solchen Blicken folgen Taten, das wusste er seit Jahren. Instinktiv senkt er die Schultern, tritt einen Schritt zurück. Er will durch den Wagon zur nächsten Tür, der Konfrontation aus dem Weg laufen, da baut sich der andere Jugendliche vor ihm auf. Er ist größer als gedacht, bedrohlicher. Rudi verspürt den Drang sich zu wehren, etwas zu sagen, aber er wird hier nicht schlichten können. Diese Menschen hassen ihn für das, was er ist und für das, was er nicht ist. Fast täglich wird man auf der Straße provoziert und wenn man sich wehrt, ist man der aggressive Penner, der Randalierer, der Asoziale. Also zieht er sich zurück, lehnt sich mit dem Rucksack gegen die Tür, tastet mit den Händen nach dem Knopf, um die Tür zu öffnen, sobald die Bahn endlich die nächste Station erreichen wird. Es scheint ewig zu dauern. Mittlerweile scheinen auch die restlichen Fahrgäste, die Bedrohung zu spüren, die sich im Ausgangsbereich breitmacht. Eine junge Frau schielt mitleidig zu ihm, will den Schutz ihres Platzes wohl aber auch nicht teilen oder gar aufgeben. Zwei ältere Herrschaften tuscheln miteinander, aber falls sie etwas unternehmen wollen, ist es in diesem Moment auch zu spät. Endlich kommt die Bahn zum Stehen und Rudi dreht sich um – »Königsstraße«. Vielleicht hat er Glück und trifft hier auf jemanden, den er kennt. Schnell hastet er Richtung Treppe. Über die eine Schulter hat er seinen Rucksack geworfen, über die andere blickt er immer wieder zurück, um den Abstand zu den Jungs einzuschätzen, die ihm mit nicht zu verachtender Geschwindigkeit folgen. Als sie die Treppe ebenfalls erreichen, nimmt der größere der Beiden Anlauf und überholt Rudi, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Es ist ein ruhiger Tag, niemand anderes ist in Sicht, der ihm helfen könnte. Fieberhaft legt sich Rudi die Worte im Kopf zurecht, wissend, dass er die Dinge eh nicht mehr wenden kann, dass er ihnen nichts geben kann, was sie zum Weggehen bewegen würde. Er öffnet den Mund, doch bevor das erste Wort herauskommen kann, spürt er einen Schubs von dem Angreifer, der über ihm auf der Treppe steht. Außer einem leichten Wanken passiert nichts, doch da reißt der Untere ihm, dem er jetzt den Rücken zugewandt hatte, den Rucksack herunter. Dieser schlägt auf dem Boden auf. Durch die Öffnung des Reißverschlusses am vorderen Fach rutschen ein kleines Heft und ein Bild. »Was haben wir denn da?«, hört Rudi den Jungen sagen. Als er sich runterbeugt hat er noch diesen aggressiven, fast wahnsinnigen Ausdruck in den Augen, der sich schlagartig ändert, als er die Fotografie näher betrachtet. 

»Du bist das?«

Rudi ist tatsächlich auf dem Bild zu sehen, aber Blick dieses jungen Mannes bringt ihn ganz aus dem Konzept. Auch der andere der Beiden scheint verwirrt. »Was los, Mann? Haste auf einmal Mitleid mit dem Penner?«, hört Rudi ihn sticheln. »Mann« jedoch scheint ihn gar nicht zu hören. Er steigt zwei Stufen herauf, auf Rudis Höhe, die Augen noch immer auf das Foto gerichtet. Plötzlich hebt er den Blick. Rudi hätte Angst bekommen müssen, so nah wie er nun wieder bei ihm steht, aber die Bedrohung scheint verschwunden. 

»Du bist das!“, sagt er wieder und dieses Mal glänzen seine Augen. Rudi weiß nicht, was er jetzt von ihm erwartet. Die Unterlippe des Jungen beginnt zu zittern. Wird er jetzt vor ihm weinen? Ist das Teil des Spiels? Aber die Emotion wirkt echt. Auch der Andere versteht die Welt nicht mehr. Da nimmt der Junge, der jetzt so viel kleiner aussieht als in der Bahn, so zerbrechlich, tief Luft und sagt

»Du bist Rudolph« und hält sich das Bild neben das Gesicht.

Da versteht Rudi.

Inmitten der Menschenmenge auf dem Wochenmarkt fühlt Frieda sich plötzlich seltsam beobachtet. Da, der junge Mann schon wieder! Gepflegter Vollbart, Hosenträger, Hornbrille, umgekrempelte Jeans. Zum ersten Mal ist sie dem jungen Mann vor knapp vier Wochen begegnet. Früh morgens torkelte er beim Altonaer Balkon entlang, starrte sie ziemlich lange an, zeigte dann lachend in ihre Richtung und rief: »Hey, auch noch unterwegs« und so etwas, wie »Mais« oder »Neiß«. Dann verschwand er schwankend Richtung Fußgängerbrücke in der Morgendämmerung. Frieda hatte diese irritierende Begegnung schon fast wieder vergessen, als sie ihn an einem Nachmittag am Spritzenplatz sah. Er grüßte sie, obwohl er unsicher wirkte, woher er sie kannte. Die nächste Begegnung folgte im Donners Park. Die Nacht war warm gewesen. Frieda saß entspannt auf der Parkbank, genoss die ersten Sonnenstrahlen und die Ruhe, die zu dieser Zeit noch herrscht. Da rauschte dieser junge Mann im Sportdress mit ausholender Laufbewegung an der Bank vorbei. Frieda packte schnell ihre Sachen und machte sich auf den Weg.

Und nun kommt er direkt auf sie zu. Unsicher schaut sich Frieda um: Es ist zu spät. Sie kann nicht mehr abtauchen, nicht mehr in der Menschenmenge unsichtbar werden. »Du, entschuldige, dass ich dich jetzt direkt anspreche. Ich habe dich ein paar Mal hier im Viertel, an der Elbe und im Park gesehen. Ich habe über dich nachgedacht: Für eine Oma – also du erinnerst mich an meine Oma – bist du echt früh und viel unterwegs. Bis ich gesehen habe, dass du die leeren Flaschen sammelst und deine Schlafsachen im Park im Gebüsch versteckst.« Frieda schluckt, ein Schauer läuft ihr den Rücken hinunter, der Boden schwankt. Der beobachtet sie anscheinend schon sehr lange, ohne dass sie es merkt. Dabei ist Frieda immer vorsichtig und bewegt sich fast wie eine Unsichtbare durch das Großstadtleben. Sie ist sich sicher, dass sie mit ihrem gepflegten Äußeren und gut sitzender Kleidung so wirkt, als sei sie auf dem Weg zum Einkaufen oder zum Kaffee mit ihren Rentner-Freunden. Je unauffälliger, je normaler, desto eher ist sie einfach eine von vielen in den Straßen von Altona. Denkt sie jedenfalls.

Jetzt hält ihr der Mann auch noch einen prallgefüllten Jutebeutel entgegen. »Ich habe für Dich was vom Biomarkt geholt. Ich weiß nicht, ob Du was nicht magst oder irgendetwas nicht verträgst, daher habe ich erst einmal ein paar Basics gekauft, aber wir können auch gleich noch mal über …« Frieda nutzt den Augenblick, als sich der junge Mann Richtung der Stände des Wochenmarktes umdreht, und verschwindet, so schnell ihre immer noch leicht zitternden Beine es schaffen, im Getümmel der Ottenser Hauptstraße.

Frieda ist ganz aufgewühlt. Sie schluckt, eine Träne kullert über ihre Wange. Warum hat der junge Kerl sie angesprochen, was denkt der sich, sie so zu überrumpeln? Natürlich weiß sie, dass es auch nicht nett von ihr ist, ihn wortlos stehen zu lassen – außerdem knurrt ihr Magen. Aber sie muss jetzt weg, das ist gerade zu viel für sie.

Erschöpft vom Tag sinkt Frieda abends kurz vor Sonnenuntergang auf ihrer Parkbank nieder. Die Begegnung von heute Morgen lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Sie ärgert sich über den jungen Mann, über sich selbst. Sie spürt einen Kloß im Hals. Das ist nicht ihr Tag. Zusätzlich macht ihr Alter sich bemerkbar. Ihr gesamter Körper schmerzt, sie spürt jeden Knochen, jeden Muskel. Seit zwei Jahren lebt sie nun auf der Straße – im Vergleich zu vielen anderen eine kurze Zeit. Doch mit 76 Jahren fühlt sich jeder Monat auf der Straße wie ein ganzes Jahr an.

Müde und in Gedanken versunken, merkt Frieda nicht, wie sich jemand neben sie setzt. »Du, sorry, dass ich dich heute Morgen so überfallen hab.« Nein, nicht der junge Mann schon wieder, denkt Frieda leicht verärgert. »Ich wollte dich nicht erschrecken. Wollen wir noch mal anfangen? Ich bin Ben, hallo.« Er reicht ihr seine Hand. Frieda zögert. Doch zum Weglaufen fehlt ihr die Kraft und mit seinem herzlichen, offenen Lächeln macht er ihr es unmöglich, abweisend zu sein. »Ich bin Frieda.«

»Ich war total erschrocken, als ich gesehen habe, dass Du obdachlos bist. Ich meine, du könntest meine Oma sein und Omas sollten einfach nicht auf der Straße leben. Also, niemand sollte auf der Straße leben. Kann ich dir irgendwie helfen? Weißt du, ich hab ein echt gut besuchten Blog und eine Menge Follower bei Instagram. Da könnte ich eine Story von dir bringen. Ihr Obdachlosen müsst ein Gesicht, eine Stimme bekommen. Wir könnten sicher mit Crowdfunding oder so eine Wohnung für dich besorgen. Und der Vater von einem Kumpel, der kennt jemanden bei der Saga – vielleicht kann der was möglich machen.« In Friedas Ohren rauscht es nur noch. Ben redet wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma – und die Hälfte von dem, was er sagt, versteht sie nicht. Aber das einzige, das sie bestimmt nicht will, ist das Gesicht von irgendetwas zu sein. »Junger Mann, junger Mann«, ihre zarte, zerbrechliche Stimme kommt kaum gegen die Wortflut von Ben an. Er steigert sich von einer Idee in die nächste. Behutsam, aber bestimmt, legt Frieda ihre Hand auf seine. »Junger Mann, das ist sehr nett von Ihnen, aber ich möchte das nicht.« »Und wir könnten vielleicht noch eine Unterschriftenaktion oder Petition starten, damit sich auch die Altonaer Bezirksversammlung damit befasst. Wir sind so eine reiche Stadt, da muss doch was gehen.« Ben hört anscheinend gar nicht, was Frieda gesagt hat. »Junger Mann, Danke, aber ich möchte das nicht«, – nutzt sie eine seiner kurzen Atempausen, um sich nochmals bemerkbar zu machen. Mit offenem Mund und verdutztem Ausdruck sieht Ben sie endlich an: »Wie, du willst nicht? Willst du weiter auf der Straße leben?«

Frieda spürt wie ihr Herz schneller schlägt. Sie atmet tief durch und schließt die Augen. Hat sie überhaupt schon einmal mit jemandem darüber gesprochen? Natürlich will sie nicht auf der Straße leben. Aber sie ist ihr Leben lang unabhängig – jetzt auf Behörden oder sonst jemanden angewiesen zu sein, ist nicht ihres. Sie weiß noch: Das erste Jahr war das schlimmste, obwohl sie da noch nicht wirklich auf der Straße lebte. Nachdem ihr Herbert gestorben war und ihre Rente für die steigende Miete nicht mehr reichte, flatterte eines Tages die Kündigung ins Haus. Ihr fehlte die Kraft und der Mut, um Hilfe zu fragen. Anfangs konnte sie bei der einen oder anderen Bekannten aus dem Viertel unterkommen. Mal schob sie einen Wasserrohrbruch, mal eine Küchenrenovierung vor, um ein paar Nächte auf dem Sofa oder Gästebett zu übernachten. Doch ewig ging das nicht – sie will niemandem zur Last fallen. Nur aus dem Stadtviertel raus, möchte Frieda auch nicht. Hier hat sie doch ihr ganzes Leben verbracht. Und ein paar vertraute Gesichter, mit denen sie von Zeit zu Zeit ein Pläuschchen hält, geben ihr Kraft. So hat sie es geschafft, für die verbliebenen Freunde und Bekannte den Schein zu wahren. Ihre Obdachlosigkeit verlegt sie auf den frühen Morgen und späten Abend. Am Tag will sie die »alte« Frieda sein, die durch ihr vertrautes Ottensen schlendert.

Bens Handy klingelt. »Du, so wirklich verstehe ich das nicht. Ich muss hier mal kurz ran und bin gleich wieder da.« Ben dreht Frieda den Rücken zu. Gehen oder bleiben? Sie weiß, dass ihre Entscheidung schwer zu verstehen ist. Aber sie will einfach nicht als Obdachlose gesehen werden – Frieda will ihre Illusion aufrechterhalten und normal, besser noch: einfach unsichtbar sein. Wenn sie das verliert, hat sie gar nichts mehr.

Die Kripo ermittelt seit heute früh – und gleich am späten Vormittag hat mich die Redaktion losgeschickt. Meine vorliegenden Notizen und Interview-Auszüge lassen den Sachverhalt erahnen, auch wenn er nicht in jedem Punkt völlig geklärt ist. Wie ich ihn zusammenfasse und auf eine Linie bringe, ist mir noch nicht ganz deutlich. Erstaunlich und vielleicht hilfreich ist, wie der Kaufmann K., Anwohner am Falkenstein, seine Sicht der Dinge formuliert, in freier Rede wie gedruckt. Auf jeden Fall wird es in den nächsten Tagen lebhafte Diskussionen in der Öffentlichkeit des Hamburger Westens geben.

Anwohner: Links können Sie gut durchsehen, da unten hinter dem Leuchtturm ein bisschen Blankenese, auf der anderen Elbseite dann das Airbus-Gelände in Finkenwerder, eingerahmt durch die Windkrafträder –  auf die Entfernung wie weiße Blümchen – mit ihren Dreiblattrotoren, im Hintergrund die Schwarzen Berge. Und hier vor uns die verschiedenen Farbflecke auf dem Wasser sind nicht nur Wolkenschatten und Sonnenflecken, sondern – dat dreugt an – Untiefen und Sandbänke. Schweinesand, ja, aber von Neßsand sehen wir im Augenblick nur Ausschnitte. Wenn es im Frühling grün wird, ist es so, als würde ein grüner Vorhang vor die Augen und die Aussicht auf den Strom gezogen. Insofern genießen wir regelrecht den Winter, den freien Blick auf die Elbe, die Schiffe aus aller Welt, auf Handel und Wandel. Bis er im Frühling und Sommer wieder eingegrenzt wird, schraffiert, gefangen. Der Blick in die blühenden Rhododendren ist schön, Elbblick ist schöner.

Gärtner: So habe ich es oft gehört – und hier am Elbufer werden immer wieder bestimmte Dienstleistungen nachgefragt. Dass die Jogger in meinen Lieferwagen hinein fotografiert haben, gehört sich natürlich nicht. Dass ich dort Roundup und auch Bohrgerät verstaut habe, ist nichts Besonderes. In den Gärtnereien wird fast überall damit gearbeitet. Sehen Sie, ich habe hier einen kleinen Hohlbohrer sogar in der Tasche: Damit kontrolliere ich den Holzzuwachs, das Wachstum der Bäume, die Holzfestigkeit und nicht zuletzt die Gesundheit eines Baumes.

Jogger: Ich laufe regelmäßig die Strecke über den Elbhöhenweg, meist bis zum Leuchtturm in Rissen, gelegentlich bis zum Kraftwerk Wedel, ja, ich wohne in Dockenhuden, in Blankenese. Vor dieser Hecke läuft der Elbhöhenweg vorbei, diese Bäume hier stehen auf öffentlichem Grund, aber das ist egal, auch in privaten Gärten dürften so alte und hohe Bäume nicht gefällt werden. Vor zwei Jahren ist eine große alte Eiche plötzlich kahl geblieben, es gibt sie jetzt nicht mehr, im letzten Jahr hat sich eine Reihe von Buchen schon im Juni verfärbt, im August hatten sie dann keine Blätter mehr, der Blick auf die Elbe war frei oder zumindest sehr viel freier, von den Grundstücken dort oben aus.

Gärtner:  In jüngster Zeit bekomme ich viele neue Aufträge aus der Nachbarschaft, Rasenmähen, Hecken, das Übliche, aber auch Baumpflege. Weil ich mit der Arbeit nicht mehr hinterherkam, habe ich zwei polnische Kollegen eingestellt, die bei sich zuhause schon als Gärtner oder Kleinbauern gearbeitet hatten. Sie verstehen ganz gut Deutsch. Damit sie möglichst genau mitbekommen würden, was sich meine Auftraggeber, die Grundstückseigentümer, so wünschen, habe ich diese bzw. die jeweiligen Hausmeister am Anfang der Arbeit zu einem gemeinsamen Gespräch mit den polnischen Kollegen gebeten.

Anwohner: Die Rhododendren in meinem Garten haben sich hervorragend entwickelt, sehen Sie, fast wie im Hirschpark. Über einzelne Bäume direkt haben wir gar nicht gesprochen, für so etwas fehlt mir leider die Zeit. Gerade jetzt im Frühsommer musste ich beruflich eine Stiftung neu aufstellen, Gelder sinnvoll investieren usw. Aber Sie können meinen Hausmeister gerne befragen – oder direkt den Gärtner. Im Übrigen: Was sind denn das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist? Diese Anmerkung stammt nicht von mir, sondern – wenn Sie literaturgeschichtlich ein bisschen bewandert sind – von Bert Brecht. Mir ist zu Ohren gekommen, dass einige Polen, die sich für die hiesige Flora, speziell für Bäume interessierten, von irgendwelchen Joggern auf dem Elbwanderweg festgehalten worden sind. Stellen Sie sich das mal vor, Sie kommen als Tourist in ein Land, sehen sich Bauwerke oder ein paar Bäume an – und werden plötzlich festgehalten, nur weil sie die Sprache nicht verstehen. Etwas mehr Weltoffenheit würde ich mir für die Elbvororte schon wünschen. Als Kosmopolit kann ich mit nationaler Überheblichkeit nichts anfangen, vielleicht – who knows – sind das die Auswirkungen der Streitigkeiten um die Flüchtlingsunterkunft in Blankenese. Meine gartenästhetischen Überlegungen habe ich im Beisein des Hausmeisters kurz bei einem Kaffee auf der Terrasse den polnischen Gärtnern dargestellt, meine Nachbarn haben es vermutlich ähnlich gehalten: Englischen Rasen, gut geschnittene Büsche und Hecken, möglichst schöne und breite Durchblicke zur Elbe – halt das Übliche. Sie schienen das gut verstanden zu haben.

Jogger: Mir reicht es, seit zwei Jahren sehe ich sterbende Bäume, verstörte Vögel, irritierte Anwohner und Jungs und Mädchen, die sich nicht mehr trauen, ein Baumhaus zu bauen, weil die Bäume so morsch sind. Elbblick kostet, das weiß hier jedes Kind. Ich habe ein paar befreundete Jogger gebeten, erst später, in der Dämmerung zu laufen und besonders in dieser Ecke am Falkenstein achtzugeben, wir haben uns ein bisschen auf die Lauer gelegt. Und dann kamen die beiden Ausländer, vermutlich Polen, und haben ihre Bohrer angesetzt, der eine hat gekurbelt, der andere hatte einen Elektro-Bohrer – auf unserem Smartphone-Video, etwas verwackelt und verwischt, sind die Bohrer jedenfalls gut erkennbar, leider nicht so die Köpfe. Wir haben sie angesprochen, leider erfolglos, die Polizei per Handy gerufen, versucht sie festzusetzen, aber sie waren sehr aggressiv, körperlich hervorragend trainiert und leider zu schnell, wir konnten sie nicht halten, ein Freund hat jetzt noch ein blaues Auge. Sie hatten einen Kanister dabei, den sie beim Weglaufen mitgenommen haben, wir vermuten, dass er Gift enthielt, Glyphosat, um es in das Bohrloch einzuführen, oder sie haben geglaubt, dass Pilze und Bakterien in die Stämme eindringen, dass es zu Fäulnis oder anderen Reaktionen kommt, die letztlich dazu führen, dass die Bäume absterben. Hoffentlich fasst die Polizei sie.

Anwohner: Ich denke nicht, dass die Vögel hier ungewöhnlich verstört sind, fragen Sie mal bei den Ornithologen nach, in Flottbek sitzt doch der Fachbereich Biologie der Hamburger Uni. Ich habe gehört, dass die Eichhörnchen-Population hier zu dicht sei, zum Nachteil der Vögel. Ob es pädagogisch sinnvoll ist, Kinder auf öffentlichem Grund Baumhäuser bauen zu lassen, sei dahingestellt. Die Kinder, die hier am Falkenstein aufwachsen, wohnen aber ohnehin in Häusern mit etwas größeren Gärten, in denen überall hohe Bäume stehen, wo liegt da das Problem? Von verstörten Nachbarn kann keine Rede sein, fragen Sie hier links bei der Familie in dem Reetdachhaus mal nach – oder angrenzend hier rechts in der Gründerzeit-Villa, die aussieht als würde Pippi Langstrumpf dort wohnen. Nebenbei: Die Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen, gut so, ich sehe dem Ganzen gelassen entgegen. 

Gärtner: Ich liebe Bäume, obwohl es auf ein paar mehr oder weniger wirklich nicht ankommt – schließlich brauchen wir alle Holz für den Kamin. Allerdings werde ich die öffentlichen Bäume künftig nicht mehr so beachten. Einige Bäume unmittelbar am Elbhöhenweg vor den von mir betreuten Grundstücken werden wohl ohnehin bald gefällt, sie haben zu wenig Festigkeit, sind zu morsch. Ach so, meine Angestellten haben ihren – exzellenten – Lohn bei mir abgeholt – und sind seitdem vom Bildschirm verschwunden, zumindest aus meiner Whatsapp-Gruppe. Nebenbei: Sie haben zwar Polnisch gesprochen, kamen aber wohl eher aus der Ukraine. Ich hoffe, sie melden sich bald wieder, sonst muss ich mich um Neueinstellungen kümmern.

Anwohner: Ich muss gestehen, dass es mich schon ein wenig gestört hat, als die alten Bäume morsch wurden – das war natürlich nicht ungefährlich, und wir mussten uns bemühen, dass sie schnell gefällt werden konnten, damit von ihnen keine weitere Gefahr ausgehen konnte. Sie meinen, dass der Wert der Grundstücke durch fehlende Bäume steigt? Das glaube ich kaum, aber da sollten Sie einmal bei spezialisierten Immobilienmaklern nachfragen. Generell scheint mir das Roden von Bäumen nicht immer etwas Schlechtes zu sein, in der Geschichte war es oft mit kulturellem Fortschritt und Reichtum verbunden, denken Sie an den heiligen Bonifatius, der im 8.Jahrhundert die Donar-Eiche fällte und damit die beiwohnenden Germanen so beeindruckte, dass sie anschließend christianisiert werden konnten. Und wenn wir hier durch die Baumlücken auf das Wasser sehen, sehen wir nicht auf den Amazonas, sondern auf die Elbe. Hier geht kein Regenwald verloren. Und wenn Sie sich wegen der sehr unterschiedlichen Aussagen Ihrer Interview-Partner ein bisschen zwischen Baum und Borke fühlen, lassen Sie mich abschließend noch einen Gedanken kurz entwickeln, den Sie gerne in Ihrem Artikel verwenden dürfen:  Ich würde zwar nicht behaupten wollen, dass Bäume eine Seele haben, aber ich liebe Bäume – solange sie in Saft und Kraft stehen! Und mit großem Interesse und Wohlwollen habe ich den Erfolg und die Kursentwicklung einiger Verlage zur Kenntnis genommen, die Bücher über unsere grüne Parallelwelt, die Natur, Nature Writing und Ähnliches veröffentlichen. Auf meinem Nachttisch liegt gerade ein Buch mit dem Titel «Das geheime Leben der Bäume».