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Interview mit Monique Hamelmann

Neue Räume ausloten

altonale_Monique-Hamelmann

Interview mit Monique Hamelmann

Vom 3. bis 13. Juni inszeniert Monique Hamelmann den altonale circus digital, eine live Show, die über unterschiedliche Streamingplattformen zu sehen sein wird. Monique lebt in Dresden, ist als freie Regisseurin tätig und inszenierte u.a. am Staatsschauspiel Dresden.

Was erwartet das Publikum beim altonale circus digital?

In jedem Fall kann ich bunte und kreative Abende durch unterschiedliche Kunst- & Kulturgenre, interessante Gäste und viele Überraschungen versprechen. Es wird kleine inszenierte live Performances, clowneske Nummern und spannende Interviews geben, Musik aus der Küche, Diskussionen über die deutsch-dänischen Grenzen, Beiträge von Hamburger*innen auf der Straße, Kunst aus dem Wohnzimmer und Performances, die sich mit politischem Tagesgeschehen und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Wir haben sogar Superheld*innen und Astronaut*innen eingeladen und vielleicht wird auch ein Hai durch einen brennenden Reifen springen. Das hat es selbst in Las Vegas noch nicht gegeben. Unsere Kreativität läuft jedenfalls auf Hochtouren.

Was ist daran Zirkus, was ist Theater, was ist Video?

Um ehrlich zu sein, wird es weder Zirkus noch Theater im klassischen Sinne geben. Mit altonale circus digital versuchen wir uns eher an einem Hybrid, der sich den Bildern des Zirkus, des Theaters und der TV-Shows bedient, aber keines davon so richtig ist. Wir orientieren uns an der Magie und dem Risiko des Zirkus, dem Scheitern der Figuren im Theater und an dem Glamour einer TV-Show. Wir haben uns von unserem eigentlich geplanten Veranstaltungsort, einem Zirkuszelt, inspirieren lassen, das heißt, es wird Figuren, Bühnenbildelemente und Bilder geben, die an den Zirkus erinnern.

Über zehn Tage werden acht Shows gezeigt. Erzählen sie eine Geschichte?

Die altonale kann im Moment nicht live stattfinden und dieses Schicksal teilt sie mit vielen anderen Kunst- und Kulturveranstaltungen. An diesem Umstand haben wir unsere Figuren und ihre Geschichte entsponnen. Unsere Figuren beherbergen Dinge – in diesem Fall künstlerische Beiträge – die gerade nicht oder sehr viel weniger sichtbar und vielleicht auch vom Verschwinden bedroht sind. Es soll deshalb die Figur eines Archivars geben, der all die Beiträge aus den unterschiedlichen Kunst- und Kulturgenres gesammelt hat und sie vor dem Vergessen bewahrt, indem er sie als Tagesprogramm an unsere Moderatorin heraus. Das ist beispielsweise eine Geschichte. Aber im Vordergrund sollen ganz klar die Beiträge und unsere Gäste stehen. Das Konzept der Show, die Figuren, die durch unsere Show führen, legen sich zart um diese Beiträge und geben diesen Beiträgen einen Rahmen.

Für die altonale ist das Format neu. Was reizt Sie daran?

Bei live Veranstaltungen sitze oder stehe ich in einem Raum mit vielen anderen Menschen und bleibe oder gehe, wenn es mir nicht gefällt, ich spüre eine Atmosphäre um mich herum, vielleicht habe ich mich für diesen Anlass auch besonders gekleidet. Das ist offensichtlich anders, wenn ich eine Veranstaltung online besuche. Ich stelle mir daher die Frage, wie können wir einen Raum schaffen, in dem es nicht egal ist, ob das Publikum an der Veranstaltung teilnimmt oder nicht. Wir versuchen natürlich, durch ein aufregendes und unterhaltsames Programm, durch kurzweilige und kreative Beiträge oder auch interessante Interviewgäste einen Anlass zum Dranbleiben zu geben, klar. Ich möchte aber auch ausloten, welche Möglichkeiten der Interaktion uns der Digitale Raum bietet. Das ist etwas, dass mich sehr an diesem Projekt reizt. Außerdem ist es eben ein Experiment außerhalb des Genres, in dem ich mich sonst bewege, nämlich dem Theater und ich bin gespannt, wie diese Mischung aus Zirkus, Theater und TV-Show mit Beiträgen aus der Literatur, Musik und Performance usw. letztlich aussieht.

Durch die Aufführungen zieht sich immer wieder der Begriff Systemrelevanz. Was bedeutet Systemrelevanz für Sie?

Ich finde den Begriff ganz schwierig. Mit dem Begriff wird meiner Meinung nach ein Hierarchisierungsversuch unternommen, wer oder was systemrelevanter ist als etwas anderes, der sich bei einer funktional differenzierten Gesellschaft nicht einlöst. Was ich verstehe, ist, dass es Berufsgruppen und Arbeitsfelder gibt, die das „System“ stützen und sichern und das Überleben sichern. Aber was die Pandemie auch gezeigt hat, ist, dass sich viele dieser Berufsgruppen im Niedriglohnsektor befinden, eine schlechte Personaldecke und wenig gesellschaftliches Ansehen haben und dass ihre Leistungen bisher kaum oder nur auf ideeller Ebene Anerkennung gefunden haben. Und nach vielen Debatten ohne tatsächliche gesellschaftliche oder strukturelle Veränderung wird es darum, so zumindest mein Eindruck, auch schon wieder leise. Auf der anderen Seite stellt der Begriff Berufsgruppen und ihre Existenz infrage, etwa den Tourismus, die Gastronomie sowie die Kunst- und Kultur. Sicher, Kunst stützt das „System“ nicht, aber es hinterfragt, dekonstruiert und rekonstruiert, interpretiert. In den andauernden Debatten um den Begriff Systemrelevanz habe ich eine ganz schöne Überlegung gelesen, nämlich, was in unserem „System“ soll denn auch nach der Pandemie relevant bleiben? Was wollen wir uns als Gesellschaft erhalten? Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Hoffentlich keine, die weiterhin ihre Pfleger*innen, Kassierer*innen, Erzieher*innen, Paketzusteller*innen usw. unterbezahlt, deren Bildungssystem keine Fortschritte in der Digitalisierung macht und die Kunst für verzichtbar hält.

Das vollständige Interview mit Monique Hamelmann finden Sie im neuen Altona Magazin zum Thema „Systemrelevanz“, erhältlich in vielen Buchhandlungen Altonas, am Altonaer Bahnhof oder direkt in der altonale Geschäftsstelle.