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[NOT] AT HOME

[NOT] at Home

[NOT] at Home

Asyl im Baumarkt

Die Kunst und das Theater, der Tanz, der Film und die Literatur – sie alle kommen in vier ungenutzten Hallen von OBI in der Ruhrstraße zusammen. Das gemeinsame, rätselhafte Motto: „[Not] At Home“ – zuhause sein und nicht zuhause sein.

Text: Frank Keil, Motiv: Nicole Alpers nach einem Foto von Sarah Hildebrandt

Noch halten sie die Texthefte mit den Anstreichungen fest in den Händen. Sprechen ihre Sätze, verhaspeln sich, kommen untereinander ins Quatschen. Der Regisseur klatscht in die Hände: „Ihr seid viele Leute, das braucht viel Konzentration!“ Und alle stellen sich wieder auf ihre Plätze. Üben die Einsätze, die Übergänge; wer von links kommt und wer wann von rechts. Proben, ob man nicht auch eine Textzeile singen könnte. Das Ziel: heute einmal durch den ersten Akt zu kommen. Aber nun sind erst mal zehn Minuten Pause. Sich einen Kaffee holen, einen Tee, Kekse.

Die Theatertruppe „JuMBO“ des Beschäftigungsträgers Mook Wat hat sich diesmal für einen Klassiker entschieden: „Nachtasyl“ von Maxim Gorki. Ein Monument in der Theaterlandschaft, wenn es darum geht, das Leben einer Zwangsgemeinschaft von sozial Abgehängten auf der Bühne zu schildern. „Wir spielen das Stück aber nicht wie sonst in zerlumpten Kleidern und mit ALDI-Tüte in der Hand“, erzählt Regisseur Evgeni Meteschkin. „Wir spielen es ganz edel, in schönen Klamotten.“ Und er zeigt auf die beiden Garderobenständer, wo jede Menge schnieker Kostüme auf ihre Träger warten. Evgeni Meteschkin hat eine Schauspielschule, er ist ein renommierter Regisseur, der Produktionen auf Kampnagel und im Deutschen Schauspielhaus realisierte. Und er arbeitet immer wieder als Regisseur für Mook Wat, eine Einrichtung, die sich um Menschen kümmert, die auf dem normalen Arbeitsmarkt so ihre Schwierigkeiten haben, dabei ganz unverhofft eine Leidenschaft für das Theaterspielen entdeckten, und so werden sie

[NOT] at Home

im Rahmen der altonale19 mit ihrer Fassung des Nachtasyls eine weitere Produktion auf die Bühne hieven. Aber nicht an einem der üblichen Off-Orte, sondern in einer klassischen Lagerhalle, in der einst Gabelstapler Waren bis unter die Decke schoben, die aber seit längerem leer steht: am Ende des Parkplatzes des Baumarktes OBI in der Altonaer Ruhrstraße (vormals residierte hier das Traditionskaufhaus „1000 Töpfe“).

„Ich bin kein Schauspieler, aber ich arbeite als ein solcher“, sagt denn auch Arwed Fleischer selbstbewusst. Er spielt im Stück den namenlosen, schwer trinkenden Schauspieler, der seinen einstigen, längst verwehten Erfolgen nachtrauert. Und der voller Hingabe Sätze schmettert wie: „Bildung ist Unsinn, die Hauptsache ist Talent!“ Er erzählt: „Es war gar nicht einfach, das Stück aus unserem kleinen Probenraum bei Mook Wat hier für die altonale in diese riesige Halle zu übertragen.“ Zuerst seien alle schwer begeistert von der großen Fläche gewesen, auf der man auch mal rennen und sich nach Herzenslust austoben könne, um aber bald zu merken, dass sich ihr Spiel schnell verliere, ganz abgesehen von der sehr schwierigen Akustik. Also teilte man sich eine kleine Ecke ab, baute schon mal eine improvisierte Bühne auf, fing an den Text einzustudieren – bis irgendwann jemandem auffiel, dass dann nicht allzuviele, Besucher ihren verdienten Platz finden würden. Also stellte man sich wieder mitten in die Halle, wollte nach links und rechts den Raum mit Vorhängen abtrennen, und hofft nun, so die richtige Größe gefunden zu haben.

Das Ausprobieren habe Zeit gekostet, aber sei notwendig gewesen. „Theater ist ein Prozess“, deklamiert Fleischer gedehnt und will sich ausschütten vor Lachen über diese Binsenweisheit, in der zugleich so viel Wahrheit steckt.

[NOT] AT HOME lautet der Titel des Programms, zu dem ihr Stück gehört. Also „nicht zuhause sein“ und „zuhause sein“. Beides gleichzeitig oder folgt eines aus dem anderen? Sie als Theatergruppe haben sich jedenfalls schnell eingelebt, haben ausladende Sofas aufgestellt, eine kleine Teeküche eingerichtet. Haben Tische und Stühle aufgetrieben. Haben die Premiere langsam vor Augen. Und damit sind sie nicht alleine: Gleich nebenan folgt eine weitere, ungenutzte Halle, in der nun die Choreografin und Tänzerin Rica Blunck mit geflüchteten Jugendlichen ihr Tanzstück „Salon International“ aufführen wird. In den dann folgenden zwei Hallen soll die Bildende Kunst ihren Platz finden.

Auch hier mussten sich die Ideen entwickeln, wie man sie bespielen könnte. Denn anfangs wurde daran gedacht, sie einfach verschiedenen Künstlern zu überlassen. Doch schnell verwarf man diesen Einfall wieder, liegen doch gleich um die Ecke zwei Künstlerhäuser: das „Achterhaus“ und das „2025 e.V.“. Künstler und Künstlerinnen verschiedenster Kunstgattungen haben hier in ehemaligen Verwaltungsgebäuden ihre Ateliers eingerichtet: Illustratoren und Konzeptkünstler, Maler und Performer; Lichtkunst ist ebenaltonale so vertreten wie textile Künste. Und auch eine Trickfilmerin wie Cecile Noldus aus dem Achterhaus ist dabei, die nun als eine Art Mittlerin zwischen den beiden Häusern und der altonale fungiert. „Ganz am Anfang haben sich gerade mal sechs Künstler für das Projekt interessiert, aber nun sind wir 28“, erzählt sie. Und sie sagt: „Es ist schon mal eine Besonderheit, dass die beiden Künstlerhäuser, die nebeneinander liegen und bisher nicht viel miteinander zu tun hatten, nun zusammen arbeiten und zusammen ausstellen werden.“ Und eben auch ein Bekenntnis, dass hier in der Kopfstein-gepflasterten Ruhrstraße zwischen Autohäusern und -vermietungen sowie Klein- und Kleinstbetrieben durchaus die Kultur blüht. Außer Theater, Tanz und Kunst werden auch die literatur altonale und die film altonale mit je einer abendfüllenden Veranstaltung vor Ort vertreten sein: Der Schriftsteller Oliver Lück wird Geschichten lesen, die ihm infolge seiner zahlreichen Reisen durch Europa in den Sinn kamen. Und auf einer mobilen Leinwand wird der französisch-belgische Film „Home“ gezeigt werden, der davon erzählt, wie eine Familie, die am Rande einer stillgelegten Autobahn wohnt, sich diesen ungenutzen Platz erobert. Und was dann passiert.

Und selbst? Was passiert mit den sich so belebenden Hallen, wenn die altonale vorbei ist? Wahrscheinlich werden sie nächstes Jahr abgerissen und stehen nicht für weitere Projekte zur Verfügung. Und auch die Zukunft der beiden Atelierhäuser ist ungewiss. Zwar wurden die Mietverträge aktuell um weitere zwei Jahre verlängert. Aber ob die nun erstmal sesshaft gewordenen Künstler danach ihr künstlerisches Zuhause behalten können? „Überall in der Stadt wird verdichtet, Atelierflächen werden schnell zu Wohn-Lofts“, umschreibt Monika Baum, die bei der altonale für das Kunst-Programm zuständig ist, die Entwicklung und den Druck, der damit auf den Künstlern lastet. Und der sei in der ganzen Stadt zu spüren – und eben auch in Altona.

 [NOT] AT HOME - Programm:
23. Juni 2017 - 19:00 | [NOT] AT HOME: Kunst.Hallen | Kunst

23. Juni 2017 - 20:00 | [NOT] AT HOME: Salon International | Tanz

28. Juni 2017 - 20:00 | [NOT] AT HOME: Home | Film

29. Juni 2017 - 20:00 | [NOT] AT HOME: Europa bunt | Literatur

30. Juni 2017 - 19:00 | [NOT] AT HOME: Nachtasyl | Theater / Performance

1. Juli 2017 - 19:00 | [NOT] AT HOME: Nachtasyl | Theater / Performance