13.07.17 // Schreib Altona-Altstadt! – Kurzgeschichten aus dem Stadtteil

13.07.17 // Schreib Altona-Altstadt! – Kurzgeschichten aus dem Stadtteil

13.07.17 // Schreib Altona-Altstadt! – Kurzgeschichten aus dem Stadtteil

Teilnehmer an der Schreibwerkstatt: "Schreib Altona-Altstadt"

Teilnehmer an der Schreibwerkstatt: "Schreib Altona-Altstadt"

Altona-Altstadt wird zum literarischen Schauplatz. Im Vorfeld der diesjährigen literatur altonale wurden Bewohner*innen aufgerufen, sich für das Projekt „Schreib Altona-Altstadt!“ zu bewerben und eine Kurzgeschichte über ihren Stadtteil zu entwerfen.

Unter der Anleitung des Hamburger Storytellingtrainers Jörg Ehrnsberger (www.literaturwegen.de) haben sieben Schreibende in einem zweitägigen Workshop samt anschließendem Lektorat einen Text erarbeitet und im Rahmen des Festivals in der Kulturetage der Öffentlichkeit präsentiert. Sie haben ihr Quartier literarisch erobert, Straßen und Plätze umgedeutet und die Stadt als Möglichkeitsraum (neu) entdeckt und beschrieben.

Lesen Sie selbst!

Das Projekt „Schreib Altona-Alstadt!“ wurde gefördert mit Mitteln aus dem Verfügungsfonds Altona-Altstadt.

Arthur schaut mit seinem rechten Auge zu Sieglinde hinüber und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. Allein dieser Blick, dieser herrliche Ausblick über Altona-Altstadt und noch viel besser, über die Elbe, waren den Kampf für das Möwendeck wert gewesen. Von diesem Fleck der Großen Bergstraße aus konnte er besonders gut beobachten, wie die Hochseeschiffe mit ihren Fischfängen und den leckeren rosa Nordseekrabben in den Hafen zurückkehrten. Arthurs Möwengefieder schimmert besonders schön in der Sonne an diesem Morgen, findet Sieglinde, ihren Arthur anblinzelnd. Er ist eine ganz besondere Silbermöwe. Der orange Fleck auf seinem Schnabel wechselte seine Form, je nachdem, von welcher Seite man darauf schaute. Mal war es ein Kreis, mal ein Dreieck. Und überhaupt sein ganzes Wesen. Seine kämpferische Art, sein Idealismus. „Ach, Arthur! Du hast recht. Wie gut, dass du gegen die Baustelle protestiert hast. Wie hieß noch der Baumeister?“ Arthur überlegt kurz gespielt, plustert sich auf und schüttelt sein Gefieder. „Becker! Er hieß Becker.“ „Stimmt, jetzt erinnere ich mich“, antwortet Sieglinde und schaut zufrieden auf die Elbe. „Was für eine aufregende Zeit! Gut, dass es jetzt ruhiger geworden ist hier oben.“ „Aber auch ein bisschen langweilig“, krächzt Arthur.

„Ich weiß noch genau, als ich aus unserem Sommerquartier von der Nordsee zurück zu unserem Nest flog und meinen Augen nicht traute. Unter mir ein Schlachtfeld! Überall Bagger, tiefe Krater und Menschen mit gelben Helmen auf dem Kopf. Auf den Schreck habe ich mich erst mal auf den Kran gesetzt, der mitten in der Baustelle stand. Erst mal hinsetzen“, dachte ich. „Hinsetzen und einen Schluck Algenwasser nehmen. Wie gut, dass ich das Hochprozentige von der Nordsee dabei hatte.“ Sieglinde schreit vor lauter Freude bei dieser Vorstellung. „Aber, dass du dem Baumeister im Sturzflug auf den Helm gekackt hast, dass fand ich etwas übertrieben...“, fügt sie amüsiert hinzu. „Übertrieben?“ Arthur schmunzelt gelassen. „Ja, vielleicht aus heutiger Sicht. Aber damals war ich wütend! Der hat unsere Kolonie, unser zu Hause zerstört, Sieglinde! So ein Aasgeier! Bestimmt hat er den Job aus tiefer Überzeugung gemacht, damit seine Frau sich in Blankenese das nächste Designer-Kleid kaufen kann. Der Schandfleck aus Altona-Altstadt muss weg! Das hat er bestimmt gedacht, dieser Baumeister!“ „Du warst soo in Rage“, seufzt Sieglinde, „wie gut, dass wir die Möwenversammlung einberufen haben.“ Arthur zwitschert vergnügt mit wippendem Kopf.

„Die Möwenversammlung! Da haben wir uns zusammen gerauft. Wir, die Möwen aus der Kolonie des Frappant-Gebäudes!“ Bei der Erinnerung an diese Zeit hüpft Arthur aufgeregt von einem Bein auf das andere. Sieglinde schaut mit ihrem linken Auge zu Arthur. „Arthur und die Revolution“, gurrt sie schmunzelnd. „Wenn wir nicht so radikale Maßnahmen ergriffen hätten, dann würden wir jetzt im Exil, wahrscheinlich irgendwo in Blankenese, leben, Sieglinde!“ erwidert Arthur aufgebracht wie immer bei diesem Thema.

„Am Tag des Sitzstreiks auf der Baustelle? Weißt du noch, Sieglinde?“ fragt Arthur rhetorisch. Sie führten diese Unterhaltung, dieses Schwelgen in Erinnerungen von Zeit zu Zeit immer mal wieder. „Wie könnte ich das vergessen?“ fragt Sieglinde, „so viele Möwen auf einmal habe ich nie wieder auf einem Fleck gesehen! Auf dem Baukran, auf den gerade frisch gegossenen Zementfundamenten, den Bauzäunen: ein Meer aus grau-weiß-orangem Protest“, erinnert sich Sieglinde lächelnd. Wie schön ihr Schnabel in der Sonne glänzt, denkt Arthur. Wie gut, dass ich sie habe. „Mir läuft es noch heute wohlig schön das Gefieder herunter, wenn ich an den Tag denke.“ sagt Arthur. „Ach Arthur! Ich höre dich noch vom Baukran herabrufen: ‚Wir sind heute hier, um einen Baustopp zu erreichen. Wir, die Möwen von Altona, haben keine Unterkunft mehr. Wir lassen uns nicht verdrängen aus der Innenstadt! Wir haben ein Recht, hier zu nisten, wie die Menschen auch!‘ In dem Moment war ich so stolz auf dich, Arthur!“ Sieglinde dreht ihren Kopf nach links und blinzelt ihren Arthur an. „Und wie dann alle klagend und schreiend einstimmten in den Protest!“ schwelgt Arthur. „Ich saß ja direkt unten am Fuß des Kranes“, erinnert sich Sieglinde, „und der Moment, als Baumeister Becker durch das offene Bauzauntor stampfte, den vergesse ich nie. Sein hochroter Kopf! Seine hervortretende Ader an der Schläfe. Sein wütendes Schnaufen. Wie er sich die Ohren zuhielt und entsetzt in dieses Möwenmeer starrte! Ein Anblick für Neptun!“ „Selbst oben auf dem Kran war es so laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Aber ich dachte, wenn ich jetzt keine Forderungen stelle, dann ändert sich nie etwas. Dann wäre alles umsonst gewesen!“

„Ach Arthur! Dann riefst du: ‚Baumeister Becker! Sie haben unseren Wohnraum, unsere Nester, unsere Heimat zerstört! Wir sind heute hier, um unsere verlorenen Nester zurückzufordern. Die Behörde will ihre Bauarbeiten fortsetzen? Dann muss sie uns genügend Ausweichquartiere zur Verfügung stellen! Ansonsten treten wir in den Möwenstreik und Ihre Baustelle bleibt für immer geschlossen! Ersatznest oder Baustopp! Ersatznest oder Baustopp! Ersatznest oder Baustopp!“, erwiderte das Meer aus Möwen mit orangenen Schnäbeln um mich herum im Chor, bis der Baumeister tobend vor Wut die Baustelle verließ.“ „Das war ein erster Sieg!“ lächelt Arthur, bei dem Gedanken noch immer ganz beseelt.

„Und bis zum Altonaer Möwenabkommen war es dann nicht mehr weit...“ schmunzelt Sieglinde. „Hach, du meinst die Verhandlungen mit der Stadt im Rathaus?“ fragt Arthur. Sieglinde kennt ihren Arthur schon ein paar Sommer und sie freut sich jedes Mal wieder, wie er ganz aus dem Häuschen gerät, wenn sie sich diese Geschichte erzählen. Es ist ein richtiges Ritual geworden. Bei den Verhandlungen im Altonaer Rathaus mit den Behörden, da denkt Arthur sofort an die frisch gebackenen Möwenkekse, die Baumeister Becker widerwillig für sie bereit gestellt hatte. Von seiner Stuhllehne aus konnte Arthur mit einem Keks im Schnabel aufmerksam die Verhandlungen verfolgen.

„In der Vogelmenge, die sich vor dem Altonaer Rathaus versammelt hatte, bekam ich von alldem nichts mit. Eine wahrhafte Revolution hast du da losgetreten, Arthur! Spatzen, Tauben, Raben, Möwen aus allen Stadtteilen waren da, um uns zu unterstützen. Nach einer kleinen Ewigkeit öffnete sich die Balkontür des Rathauses und du tratst mit Baumeister Becker auf den Balkon. Ach, Arthur! Da war ich stolz auf dich?!“ „Sieglinde! Ich konnte es kaum erwarten, euch das Verhandlungsergebnis zu verkünden.“ Arthur lächelt in sich hinein und schaut ganz stolz zu seiner Sieglinde hinüber. „Das Altonaer Möwenabkommen!“ trällert Sieglinde aus voller Kehle mit erhobenem Schnabel, als sei sie damals Zeugin eines historischen Ereignisses geworden. Und irgendwie war sie das ja auch.

„Heute ist ein historischer Tag für alle Möwen! Die Stadtentwicklungsbehörde und Baumeister Becker stimmten zu, dass wir, die Möwen aus dem Frappant-Gebäude, ein Übergangsquartier bei den Rainvilleterrassen beziehen dürfen!“ Die Federmenge um mich herum krächzte und jubelte. Hach, Arthur und dann schlugst du mit den Flügeln auf und fuhrst fort: ‚Wir konnten außerdem erreichen, dass auf das Dach des künftigen Ikea-Gebäudes ein Möwendeck aufgestockt werden wird! So einfach lassen wir uns nicht aus Altona-Altstadt verdrängen!‘ Deinen linken Flügel strecktest du bei jedem Satz kämpferisch nach vorn. Tauben, Spatzen, Möwen, Raben flatterten und kreischten dir jubelnd zu!“ Sieglinde lächelt. Jetzt kam seine Lieblingsstelle in der Geschichte, sein Einsatz: „Wir konnten zudem durchsetzen, dass das Möwendeck einen blauen Anstrich erhält!“ „Arthur, als wir deine Worte hörten, tobten wir! Ein Möwendeck blau wie das Meer! Genau, wie du es von Anfang an gefordert hattest. ‚Arthur! Lang lebe Arthur!“ schrie die Vogelmenge mit flatternden Flügen.‘“

„Siehst du, Liebling“, seufzt Arthur an diesen Moment denkend, „heutzutage ist es dagegen richtig langweilig hier.“ Die Sonne stand schon weit oben am Himmel. Es war Zeit, sich um das Mittagessen zu kümmern. Mal sehen, was in der Großen Bergstraße so auf den Boden gefallen war. Oder lieber an die Elbe fliegen? Sieglinde durfte entscheiden, da war Arthur ganz die Gentle-Möwe.

>Altonaer Phantom hat das Spiel betreten.<

Mit diesen Worten auf dem Smartphone beginnt meine allnächtliche Jagd. Ich logge mich selbst ein.

>Phantomjäger hat das Spiel betreten.<

Mein Blick fällt auf die Scheibe eines parkenden Autos. Das reflektierte Gesicht, angestrahlt vom grünen Licht des Handydisplays, wirkt leichenhaft. Ich stapfe automatisch die Portale ab, die auf dem Display vor mir schillern wie Smaragde und Saphire. Johann von Borjau Stein. Grabdenkmal Birckholtz. Altonaer Meridian. Informationsfetzen, die ich nur am Rande wahrnehme.
Das Phantom war hier. Die Portale sind vor Kurzem eingenommen worden, sind von meinem Grün auf das Blau des Phantoms gewechselt. Es gibt sie zwar nicht wirklich, sie existieren nur in der Augmented Reality des Internets. Doch das heißt, er muss mit seinem Handy hier entlang gegangen sein, um mir das Portal wegzunehmen. Oder sie. Wer weiß, wer sich hinter dem Nickname ›Altonaer Phantom‹ verbirgt?

Ich eile durch die Dunkelheit. Ich bin ihm dicht auf den Fersen, ich spüre es. Die digitale Spur ist genauso real wie jeder Fußabdruck im Sand des Spielplatzes.

Traditionsgeschäft Schlüter. Ich komme näher, das Portal wurde erst vor knapp zehn Minuten erobert! Das Geschäft ist seit einem Jahr weg, im Spiel ist es noch da. Ein Denkmal, nur halt im Netz. Im kollektiven Gedächtnis des Cyberspace festgehalten, obwohl sich die Wirklichkeit verändert hat.
Ist das Phantom hier entlang, zur Elbe? Da gibt es weniger Portale, weniger Punkte zu holen. Nein, ich kenne es besser. Es ist nachts unterwegs, weil es da ohne Konkurrenz im Schleepark spielen kann. Die bewegte Geschichte dort führt zu unfassbar vielen Portalen auf engstem Raum, aber tagsüber ist es hier zu voll.

Also Richtung Königstraße, zum Stolperstein Rosentreter. Einen Moment zuckt mein Blick am Handy vorbei, erkennt den bronzenen Schimmer des kleinen, versteckten Mahnmals inmitten der normalen Pflastersteine. Alles, was von der Familie geblieben ist. Mit dem Smartphone wandle ich durch eine Welt, die von dem Meisten ignoriert wird. Obwohl die Objekte um mich herum sind, oder gar unter meinen Füßen, wirken sie auf dem Display realer.
Jenseits der Kreuzung schält sich eine Gestalt aus der Dunkelheit - ich freue mich schon, das Phantom endlich gestellt zu haben - dann erkenne ich die weiblichen Umrisse. Es ist nur der Behnbrunnen. Die Statue ist so oft weg zur Reparatur, dass ich manchmal vergesse, dass sie dort ihren angestammten Platz hat. Eine wankelmütige Erinnerung an vergangene Zeiten, aber in der virtuellen Realität verlässt sie nie ihre Wacht. Das Phantom war ebenfalls hier. Die nur Minuten alte digitale Signatur bestätigt meinen Verdacht. Ich spähe entlang der Behnstraße, dann die Königstraße herab. Das Phantom hält sich ungern an große Straßen, aber es ist zwei Uhr nachts an einem Wochentag - selbst in Richtung Reeperbahn ist der Verkehr so gut wie eingeschlafen.
Ich eile weiter. Meine Augen flimmern. Das Display vor mir ist heller als die Stadt um mich herum, die bunten Lichter darauf viel echter als die schattigen Umrisse von Büschen, Grabsteinen und Statuen. Vorbei an Bismark und Familie Hammerich führt mich der Weg. Immer weiter, meine Finger streichen zielsicher über das Display, verbinden Portale, zeichnen ein virtuelles Muster über die Realität.

Muster ... Ich zoome aus der Ansicht heraus, um einen größeren Ausschnitt der künstlichen Welt zu erkennen. Der Weg, den das Phantom geht, und dem ich jetzt folge - bildet er eine erkennbare Form? Viele Spieler sind nicht scharf auf Punkte, sondern versuchen, ephemere Kunstwerke zu erstellen, um kurzzeitigen Ruhm in der Fangemeinde zu erhalten. Gesichter aus Stein schauen mitleidig auf mich herab, während ich mir das Hirn zermartere, um in die Gedanken meines Gegners einzudringen.

Mit schnellen Gesten kreise ich seine Wege ein, seine blauen Linien weichen zurück vor meinen Grünen. Es ist kein geometrisches Objekt, kein Dreieck oder Stern, auch keine Schrift. Aber irgendetwas ist da. Meine Augen tränen, ein Stechen macht sich hinter meiner Stirn bemerkbar. Es fehlen wenige Verbindungen, dann ergibt es bestimmt einen Sinn. Ich zoome wieder herein, um seine Schritte genauer verfolgen zu können. Durch den feuchten Schleier auf meinen Augen kann ich das Display nur vage erkennen, aber ich kann so oft wischen, wie ich will, es wird nicht klarer.

Egal, ich kenne den Weg. Es reicht, wenn ich die Grün- und Blauschimmer unterscheiden kann. Dann weiß ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich stolpere die Königstraße herunter. Es muss dort unten sein, Richtung Reeperbahn. Die Lichter flackern von blau zu grün zu - rot?

Reifen quietschen, ein grelles Hupen ertönt. Mein Kopf ruckt nach oben, etwas knallt heftig an meine Hüfte, reißt mich zu Boden. Kurz bin ich benommen, verstehe nicht, was passiert ist. Dann schälen sich die Formen eines Mercedes aus dem Dunkel hervor. Verdammte Bonzen, was guckt der auch nicht, wo er hinfährt. Eine Tür öffnet sich, eine wütende Stimme ertönt, aber ich habe keine Zeit. Ich kämpfe mich hoch, finde mein Handy neben mir. Mein Bein funktioniert nicht richtig, aber es wird gehen. Ich darf jetzt nicht aufhören. Es ist so nah! Mit unsteten Händen ertaste ich kalte Gitterstäbe. Es ist der Zaun zum jüdischen Friedhof. Portale auf einem abgeschlossenen Gelände. Genial! Das ist sein Trick. Zitternd schiebe ich das Smartphone in die Tasche, starre durch den Zaun. Ich kann die Umrisse der Gräber erkennen. Das azurne Wabern feindlicher Portale. Ich weiß, dass sie dort sind. Und das Phantom. Ich muss nicht mehr auf das Telefon schauen. Ich ziehe mich mit letzter Kraft auf den Zaun. Die linke Hüfte schmerzt, etwas läuft feucht am Bein herunter. Oben schwanke ich kurz, dann wuchte ich mich herüber. Irgendwo bleibe ich hängen. Scharfer Schmerz durchfährt mich. Ich gehe wieder zu Boden, komme nur mühsam auf die Beine. Das macht nichts. Es ist nicht mehr weit. Ich humple zwischen den Steinen entlang. Meine Rechte zerrt automatisch das Handy aus der Tasche. Es ist gesprungen. Als ich über das Display wische, schneide ich mir die Finger auf. Jetzt mischt sich auch hier Rot zum Blau und Grün der künstlichen Wirklichkeit. Egal. Am nächsten Portal muss es sein.

Da! Eine schwarze Silhouette im blauen Licht! Das Phantom! Es steht inmitten eines einzigartigen Portals. Das Muster, beinahe kann ich es ausmachen. Hektisch tippe und wische ich auf mein zersplittertes Display. Ich forme die Muster ebenso sehr mit dem Blut meiner zerschnittenen Finger wie mit den grünen Linien des Spiels. Das ist sein letztes Portal - wenn ich es einnehme, dann habe ich ihn! Meine Finger fahren intuitiv die Formen nach, die jetzt alle Sinn machen. Ich taumele auf die Gestalt zu, das Portal beginnt unter meinen Angriffen zu flackern. Ja! Die Farbe ändert sich! Das Phantom tritt auf die andere Seite, durch das Portal hindurch. Es hat irgendetwas Langes in der Hand. Silbrig spiegelt sich der Mond auf einer gebogenen Klinge. Unwichtig.

»Ich hab´ Dich!« Ein letzter Strich vollendet meine Arbeit. Das Portal wird grün, meine Farbe, auch wenn sich etwas Rot hereinmischt. Das Phantom winkt mir zu, scheint mich einzuladen. Ein Glücksgefühl durchfährt mich. Endlich habe ich es geschafft. Ich habe das Phantom geschlagen, und jetzt werde ich hinter seine Maske sehen. Es ist nur noch ein kleiner Schritt. Ich betrete das Portal.

Das Handy fällt in das Moos vor dem leeren Grab. Auf dem gesprungenen Display, gerade noch zu erkennen unter den blutigen Schlieren, erscheinen zwei letzte Zeilen.

›Phantomjäger hat das Spiel verlassen.<
>Altonaer Phantom2 hat das Spiel betreten.‹

Mit einem tiefen Seufzer atmete er den Rauch aus und lehnte sich über die gelbe Steinmauer der großen Balustrade. Ein Zug von seiner Zigarette genügte schon, um die Auseinandersetzung mit dem Bewohner von nebenan zu vergessen. Der Balkon zierte die Rückseite des schlossartigen Hospitalgebäudes aus ockerfarbenen Backsteinen. Hinter den sechs Arkaden im Erdgeschoss mit den hohen weißen Rundbogenfenstern lag die Hospitalkantine. Geschirr klapperte, Essensgeruch stieg von unten herauf. Er beobachtete, wie die beiden Ärzte unten die Köpfe zusammensteckten. Eine andere Schwester lief eilig über den Platz zum Schwesternwohnheim. Zwei Männer saßen auf einer Bank unter einem der großen Kastanienbäume. Gedankenverloren schauten sie in die Ferne. Die Fenster des neuen Anbaus reflektierten die Mittagssonne. Als er versuchte seine müden Augen mit der linken Hand vor den Strahlen zu schützen, stieß er fast das Fachblatt vom Balkongeländer. „Die eiserne Lunge“ stand dort vorne drauf. Etwas, das er unbedingt noch lesen wollte. Aus der Ferne hörte er Schwester Lara mit jemandem reden. Dann dachte er an seine letzte OP, die er mit Bravur gemeistert hatte. Das Ansetzen des scharfen Skalpells, die perfekte Naht, mit der er die Wunde verschloss - jeder Handgriff saß. Die Kollegen sahen zu ihm auf, belohnten ihn mit Respekt und Bewunderung.
„Wo sind Sie gerade mit Ihren Gedanken?“

„Ich habe über die Vergangenheit nachgedacht“, antwortete er nun, ohne sich umzudrehen. Schwester Lara stand jetzt direkt hinter ihm. Sie stellte ihr Tablett auf einen kleinen runden Tisch, machte sich ebenfalls eine Zigarette an und lehnte sich ebenso über das Geländer. In dem Moment schauten die beiden Ärzte nach oben. Schwester Lara nickte ihnen kurz zu.

„Wie geht es Ihnen, Doktor?“ fragte sie ihn freundlich. „Ich bin immerzu müde. Außerdem bräuchte ich endlich mein Arbeitszimmer zurück. Morgen hab ich doch schon wieder eine große OP.“ „Da haben wir doch gerade erst drüber gesprochen“, sagte sie ruhig und blickte ihn verständnisvoll an. Vorhin in der Besprechung erklärte ihr einer der Ärzte, wie wichtig persönliche Zuwendung und Geduld seien. „Sie brauchen viel Ruhe.“
Bis eben war sie damit beschäftigt, sein Zimmer wieder in Ordnung zu bringen. So heftig hatte er sich mit dem Bewohner von nebenan noch nie gestritten. Dann drückte sie ihre nur halb gerauchte Zigarette aus, drehte sich wieder zum Tisch um und schenkte zwei Gläser Wasser ein.
„Sie haben ja ein ganz schönes Chaos hinterlassen“, scherzte sie. „Ja, ich weiß auch nicht, was zur Zeit mit mir los ist“, sagte er traurig. „Ich hab immer das Gefühl, dass mich niemand versteht.“

Schwester Lara reichte ihm das Glas Wasser. In die andere Hand drückte sie ihm zwei weiße Pillen. Dann nahm sie schließlich selbst einen Schluck, hielt ihr Gesicht in die warme Mittagssonne und schloss die Augen. Das machte sie immer so, sie wusste, dass er nicht gern dabei beobachtet wurde, wenn er seine Pillen schluckte. Irgendwie fühlte er sich dabei immer ertappt. Mit einem großen Schluck kippte er seine Pillen hinunter. Dann schaute er auf das sanfte Gesicht von Schwester Lara und spürte, wie sich eine angenehme Ruhe in ihm ausbreitete. Ein leichter Wind brachte das sattgrüne Blättermeer der großen Hofkastanien zum rauschen. Leise stellte er das leere Glas zurück auf das Tablett. Er ging zurück in sein kleines Zimmer zu dem Bett, das die Schwester bereits für den Mittagsschlaf vorbereitet hatte. Schwester Lara war froh, dass er es ihr so leicht machte. Sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, die einstige Koryphäe und hochangesehen Mediziner so zu sehen. Wievielen Menschen hatte er so wunderbar helfen können, seine medizinischen Erfolge haben hier immer für Gesprächsstoff gesorgt. Sie nahm das Tablett auf und folgte ihrem Patienten ins Zimmer. Sie schloss die Balkontür von innen ab und ließ den Schlüssel in ihre Jacke verschwinden. Als sie die Vorhänge zuzog, sah sie noch, wie plötzlich eine starke Windböe das Heft auf dem Geländer erfasste und in die Ferne riss. „Ich bin sicher, dass Sie eines Tages wieder operieren dürfen“, sagte sie aufmunternd, doch der ehemalige Doktor war bereits eingeschlafen.

Sibylle kommt an, zum Termin 8 Uhr 30.

Die Arbeitsvermittlerin kommt da auch gerade an, schließt die Tür auf. Sibylle versucht es frohgelaunt: „Ich glaube, ich muss zu Ihnen“. Die Arbeitsvermittlerin betritt das Zimmer, die Tür steht offen, Sibylle fragt: „Soll ich noch warten?“. Die Arbeitsvermittlerin sagt, etwas ungehalten: „Sicher“ und „Geht gleich los“. Sie hat Blinkschuhe an, faszinierend, blaue blinkende Lichter an den Schuhspitzen; Sibylle denkt, sie könnte sie im Laufe des Gespräches darauf ansprechen (die Arbeitsvermittlerin trägt auch blau glitzernden Lidschatten; ok, jedem seinen Stil.)

Sie fordert Sibylle auf, herein zu kommen. Sie fragt nach ihrem Ausweis. Sibylle kramt ihren Ausweis heraus ( kann sie heute, auch in der Leistungsabteilung, noch einige Male tun; selten so häufig ihre Identität beweisen müssen, und das an nur einem Vormittag).

Sibylle denkt, sicher, es geht auch ohne „Hallo“, „Guten Morgen“, „Guten Tag“. Das sind ja auch eher überholte Konventionen.

Die Arbeitsvermittlerin starrt auf den Bildschirm ihres Computers, klackert auf der Tastatur herum. Sibylle wartet. Sieht sich die Kinder-Welt-Karte an, die an der Wand hängt, Afrika, ein Elefant, Australien, ein Känguru; gegenüber hängt ein Filmplakat, große blaue (!..) Urzeit-Vögel tragen durchtrainierte bunte Menschengestalten auf ihren Rücken. Die Arbeitsvermittlerin starrt und klackert. Wo lohnt es sich jetzt noch, hinzugucken. Auf ihre Frisur? Auf die im trüben Novembergrau nicht gerade fröhlicher wirkende 90erJahre-Architekur vor dem Fenster? Und, by the way, fröhlicher als was?

Die Arbeitsvermittlerin greift zum Telefonhörer. „Kannst du Herrn E. hier mal raus tun?... Wieso?... Nee, das könnt doch nur ihr, da komm ich doch nicht ran... Na, wenn Frau S. doch jetzt hier ist?!... dann kann der doch raus... ja, danke, bis dann“. Starr starr, klacker klacker. „Aha, Sie suchen was im Bereich Buchhändler“. Oh, Sibylle hat fast das Gefühl, jetzt sei sie gemeint. „Nein, das ist nicht aktuell, ich mache gerade eine Weiterbildung zur...“. „Hm“, sagt die Arbeitsvermittlerin, „als Buchhändler ist ja so gut wie nichts zu finden“. „Ich mache ja auch gerade...?
„Was?“, die Arbeitsvermittlerin wirkt beinah erschreckt. „Ich mache gerade eine Weiterbildung im Bereich Kunstgeragogik“.

„In was?“ „Ja, witzig, das fragen die meisten Menschen, das ist...“ „Kennen Sie die Eingliederungsvereinbarung?“ „Äh, ja, schon“. „SOLL ICH IHNEN DAS NOCH MAL ERKLÄREN?“ Sie dreht ihren Drehstuhl in Sibylles Richtung und ändert ihre Körperhaltung.

In diesem Moment, von jetzt auf gleich schwimmen Sibylle die Felle weg. Sie hatte sie festhalten wollen, nun lösen sie sich aus ihren Händen; sie sieht ihnen nach, wie sie sachte flussabwärts treiben. Sie sieht ihnen einfach nur nach und tut gar nichts. „Ja“, sagt sie apathisch, „erklären sie mir das“ und fühlt sich wie Jack Nicholson in „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Die Arbeitsvermittlerin beginnt zu reden, redet und redet immer schneller. „Ja“, versucht Sibylle ihren Redefluss zu stoppen, „der Rest ist mir auch in etwa klar“. „Gut, dann sind wir ja soweit durch. Hier unterschreiben, und hier, eins ist für sie.“ Sibylle spürt die nicht geschlossene Tür in ihrem Rücken, und ein starker Magnet zieht sie in diese Richtung.

Eingliederungsvereinbarung: Frau S. - Ziele: Aufnahme einer Beschäftigung am
1. Arbeitsmarkt: Tätigkeit als Buchhändlerin am lokalen Arbeitsmarkt (im Tagespendelbereich).

Sibylle ist gegen ihre Gewohnheit nicht danach, noch irgendetwas Nettes zu sagen, keinen guten Tag zu wünschen (das Gegenteil wäre ihr näher, sie möchte da jetzt nicht ins Detail gehen; Straßenkreuzung, Laster, kein Notarzt, kein Blau [!...]-Licht, Punkt, Punkt, Punkt).

Und nun? Ist das das Ende der Geschichte? Geht Sibylle nach Hause, frustriert und gebeutelt, Zwischenstopp Aldi, Große Bergstraße, Dornfelder Qualitätswein, 1,99 €, alternativ die Dose Jack Daniel´s, Whiskey und Cola, zum selben Preis? Draußen bei K Kiosk mit genügend Rauchzeug eindecken, ab aufs Sofa und Glotze an?

Oder? Raus aus den Kissen und einen Volksaufstand anzetteln, die große Widerstandsbewegung gegen Behördenwillkür, die später als 3-A-Aufstand
(Altona-Altstadt-Aufstand) in die Geschichtsbücher eingehen sollte?

Oder: In einem plötzlichen Energieanfall, den wegschwimmenden Fellen hinterher, sie nun scheinbar mühelos ein- und sich wieder zurückholend, fegt Sibylle die Tastatur der Arbeitsvermittlerin vom Schreibtisch, reißt das blaue Urzeit-Vögel-Plakat von der Wand, trampelt den Elefant der Kinder-Welt-Karte nieder und stürzt im Eiltempo durch die Flure, ohne dass die Arbeitsvermittlerin, perplex und nahezu paralysiert angesichts der plötzlich komplett veränderten Situation, auch nur den Gedanken fassen kann, noch rechtzeitig den Alarmknopf unter ihrem Schreibtisch zu betätigen, hinaus auf die Alte Königstraße, hinein in den Königsbäcker, wo die geistesgegenwärtige Verkäuferin, die mit solcherlei Flüchtenden Erfahrung hat, ihr eiligst die Hintertür aufschließt. Da steht sie nun auf der Königstraße, erwägt kurz, bei der Diakonie gegenüber um Asyl zu bitten, entschließt sich dagegen, rennt weiter Richtung Rathaus, dann nach Westen, Max-Brauer-Allee, spurtet bei Rot über die Palmaille, Altonaer Balkon, ein kurzes Verschnaufen, ein schneller Blick auf Hafen und Elbe, die spektakuläre Aussicht mögen andere genießen.

Weiter geht’s, nach Westen, hinaus aus Altona-Altstadt, durch die kleine Baumlandschaft zur Kaistraße, bergab bis Neumühlen, sie läuft und läuft, weiter und weiter, wir sehen sie kleiner und kleiner werden, bis sich schließlich ihre Spur verliert.

Nun ist es also so: Wenn Sie einmal einen Spaziergang in der Gegend machen sollten, dann achten Sie, Nähe der Seniorenresidenz Augustinum, auf die kleine Bronze-Statue einer Läuferin, die dort errichtet ist, gegen Willkür und Repression und für ein von Empathie und Nächstenliebe getragenes Miteinander.

Vielleicht geht die Geschichte so zu Ende? Vielleicht anders?

Vielleicht wird die Realität die Geschichten zu Ende schreiben?!

Wer weiß es? Wer kann es wissen?

(Diese Kurzgeschichte enthält Produktplatzierungen)

Knarz. Ein Licht, es gleißt. Die Tür des HENSVIK öffnete sich einen Spalt. Lotta luscherte hindurch. Knaaaarz. Die Schranktür des Sperrholzkastens öffnete sich nun ganz. Die junge Frau kletterte hinaus aus dem Schrank und hinein in die hell furnierte Schlafzimmerwunderwelt im ersten Obergeschoß des IKEA Einrichtungshaus in der Großen Bergstraße in Altona-Altstadt, Hamburg.

„Hej!“ sagte Lotta. Das war ja einfacher als gedacht. Sie freute sich und lachte. Lotta liebte IKEA. Das ganze Ding, das volle Programm. Schön war, was schwedisch war. Pippi Langstrumpf, klar, die hinreißende Prinzessin Victoria von Schweden mit ihrem Fitnesstrainer, Prinz Daniel, wie lustig das schon klang, und natürlich IKEA! Die Frische, das Leichte, das war Lotta. Als Schülerin konnte sie sich ebenso keinen Urlaub auf Saltkrokan leisten, wie sie keinen Koffer Goldes auf dem Dachboden zu verstecken pflegte, also erfüllte sie sich heute, in der Midsommar-Nacht, ihren Schweden-Traum in der Nachbarschaft. Sie besuchte den IKEA Altona, wie sie es schon hundertmal getan hatte, schaute sich dies an, fasste das an und klaute ein paar Bleistifte, wie immer. Kurz vor Ladenschluss aber, ging sie nicht, wie immer, noch auf einen Hotdog in den Imbiss am Ausgang, sondern schlüpfte in einen frauhohen Schrank und wartete, dass sich die Kunden und Angestellten dahin zurückzogen, wo sie wohnten oder womöglich schon lebten. Heute Nacht gehörte die ganze IKEA-Welt ihr! Erstmal was essen, und zwar nicht einen, sondern sechs Hotdogs, sieben! Dann ins Bällebad im Småland! Dann dorthin, wo man die Matratzen ausprobieren konnte, von der MYRBACKA auf die HOKKÅSEN springen und vice versa! Das sollte ein bunter Abend werden!

Es war dann schon um Mitternacht, als Lotta erwischt wurde. Gerade wickelte sie sich in ein Paar INGMARIE-Vorhänge und beabsichtigte, ihre Performance als Krösa-Majas Gespenst zu proben, als sie ein harter, kalter Taschenlampenstrahl blendete. „Guten Abend, junge Dame“, sagte eine dunkle Stimme aus dem Dunkel. „Hej“, antwortete Lotta, „Buh?“

Nacht für Nacht ging der Wachmann in diesem Möbelhaus durch die Gänge, und leuchtete mal hierhin, mal dahin, dann dorthin. Aber, seien wir ehrlich, weder hier noch da noch dort war niemals niemand. Umso überraschter glotzte er das rotgelockte wie sommergesprosste Früchtchen an, wie es, in einen gefärbten Baumwollstoff gehüllt, im Schein seiner Nachtmann-Profi-Taschenlampe vor ihm stand und ihn mit großen, braunen Augen anfunkelte. Sein Wachdienst gab ihm eine Menge Regeln vor; mit IKEA war detailliert ausgehandelt, welche Runden er wie oft gehen musste – aber was man im Falle des Zusammentreffens mit einem unmündigen Gespenst zu tun hatte, war nicht Bestandteil der Schulung, nein, er dachte noch mal angestrengt nach: nein. Also nahm er Lotta fürs Erste mit in sein Büro. „Das ist ja witzig, ich war schon tausendmal hier, aber diese Tür habe ich noch nie gesehen!“ quietschte Lotta, als beide hinter einem STOCKHOLM-Sessel durch eine unauffällige Stahltür schritten. Der Wachmann hasste Mädchen, die „witzig“ sagten. Grundsätzlich. „Das findest du bestimmt gleich nicht mehr so „witzig“, wenn ich die Polizei rufe“, drohte der Wachmann. „Nein, nee, vor allem, weil meine Eltern dann durchdrehen. Dazu kommt, die sind voll öko, nur Holzspielzeug früher, weißt du, und IKEA finden die eher so mittel bis ... wie heißt du eigentlich?“ fragt Lotta. „Seit wann duzen wir uns?“ fragte der Wachmann drohend. „Wir sind bei Ikeaaaa?!“ konterte Lotta. „Tayfun“, antwortete Tayfun. „Stark!“ fand Lotta. „Wie kommst du überhaupt dazu, dich hier nachts rumzutreiben?“ fragte Tayfun. Lotta antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Ich liebe IKEA! Das ist alles so schön, so hell, so duzig ...“ – „Scheiße ist das!“ fuhr ihr der Wachmann ins Wort. „Sag?“ Lotta schaute ihn sichtlich überrascht an. In ihrer Welt gab es nichts Schöneres. Tayfun proklamierte: „Das fängt doch schon beim Sperrholz an, alles hochgiftig!“ - „Dosis facit venenum“, murmelte Lotta. „Was?!“ blaffte Tayfun. „Nichts, nichts. Schulkram. Hast du mal eine Zigarette?“ bat Lotta. Der Wachmann warf ihr seinen Pueblo-Tabak hin: „Ja, Selberdrehen.“ Lotta drehte sich gedankenverloren eine Zigarette. „Weißt du, das ist schon komisch. Du, als echter Voll-Raucher, du inhalierst jede Stunde zwei bis drei fette Ladungen glühend heiße Scheiße, oder? Stimmt doch? Ich frag nur. Denn Chemie im Sperrholz schön und gut, beziehungsweise schlecht, aber ich würde erstmal mit dem Rauchen aufhören und dann kann man sich ja immer noch die Möbel abgewöhnen, nicht wahr? Feuer?“ Tayfun reichte ihr sein Feuerzeug und glotzte sie ungläubig an: „So spricht doch keine, die erst ... wie alt bist du überhaupt, gib mir mal deinen Ausweis!“ Mit den Worten „Fünfzehn. Hier. Aber das Foto ist echt hässlich! Wie gesagt, Öko-Eltern. Davon kommt sowas“, reichte Lotte ihm ihre Karte. „Ja, wie heißt du? Lotta? Punkt für dich“, sagte Tayfun, „aber ... zum Beispiel die Angestelltenpolitik von IKEA, hast du dir darüber mal Gedanken gemacht? Hauptsache Preise drücken, das geht doch hier alles nicht mit regulären Löhnen!“ Lotta schaute ihm fragend ins Gesicht: „Was verdienst du hier eigentlich, Tayfun?“ Er wurde langsam richtig sauer: „Geht dich einen Scheiß an, ich rufe jetzt die Polizei. Sollen die sich um dich kümmern“, sagte Tayfun und holte sein Telefon raus. „iPhone 7, cool!“ freute sich Lotta. „Ja, Vertragsverlängerung ...“, meinte Tayfun etwas verlegen, eigentlich gab er gar nicht gerne mit seinem Telefon an, trotzdem war er stolz darauf. „Dass es den Menschen, die Smartphones bauen müssen, richtig scheiße geht, das weißt du aber, oder? Weiß doch jeder! Dass sie ihre Familien verlassen müssen, um in schäbigen Löchern zu hausen und den ganzen Tag eintönige Löt-Arbeiten verrichten, dass sie, wenn nicht an Armut garantiert an Stress und Langeweile sterben? Merkst du selber!“ motzte Lotta. „Okay!“ rief Tayfun, „es gibt immer noch einen Ausbeuter, der schlimmer ist, aber das legitimiert ja nicht die Ausbeuter, die vielleicht nicht ganz so schlimm sind, aber sie sind immer noch Ausbeuter!“ Lotta lachte: „Aber du gibst das zu, dass dein Telefon schlimmer als IKEA ist! Jetzt mal raus mit der Sprache: Warum bist du wirklich so gepisst?“ Tayfun schwieg. „Na?“ hakte Lotta nach. Tayfun holte Luft und sprach: „Die verdammte Gentrifizierung, die wegen IKEA in die Große Bergstraße gekommen ist! Überall steigen die Mieten, die Alteingesessenen müssen raus und dann kommen die Besserverdiener und trinken Kaffee für 5 Euro!“

Lotta schaute ihm fest in die Augen: „Und du musstest dein Türkisches Reisebüro wegen IKEA aufgeben und arbeitest jetzt hier als Wachmann.“ Tayfun war baff: „Wah? Wie ... woher weißt du das?“ Lotta lachte laut: „Das habe ich nur geraten! Aber das Ding ist: Die anderen Läden von früher, die gibt es ja auch noch! Gut, nicht alle, aber doch noch ein paar. Und denen geht es doch wohl gut, vielleicht besser, seitdem IKEA da ist? Dies, das, Ananas, du warst bestimmt gut in deinem alten Beruf, mit deinem Reisebüro, aber eben nicht gut genug. Globalisierung, huuu, huuu, die will dich fressen!“ – „Bist du fertig, du kleine, reaktionäre Mistbiene?“ grummelte Tayfun. „Gut, dass du fragst, das bin ich nämlich gleich wirklich. Fassen wir doch mal kurz zusammen:

Du bist gegen behandeltes Holz, aber rauchst in jeder freien Minute.

Du bist gegen Produktionsbedingungen, aber hast ein neues iPhone.

Du bist gegen Gentrifizierung, aber hast sie nicht aufgehalten.

Ich meine, Tayfun, lieber, guter, bester Tayfun: Laber nicht, tu etwas! Bau eine MALM-Kommode aus feinem Holz, unter fairen Bedingungen, die jeder bezahlen kann, dann kauf ich sie dir ab! Wo ist sie denn, deine super MALM-Kommode, zeig her!“ schimpfte sie wie ein Rohrspatz. „Und jetzt gehe ich, ich habe nämlich morgen Schule. Von wegen ‚reaktionär’, pff, Generation Y, schon mal gehört? Das sind die, die möglichst schnell Abi machen sollen, damit sie bald eure Renten zahlen können. Ich muss auch sehen, wo ich bleibe. Aber ich heule nicht rum, wie du, Kleiner Onkel. Ich unternehme was. Wenn ich bei IKEA übernachten will, dann mache ich das. Auf Wiedersehen! Das meine ich wörtlich. Bitte das nächste Mal ein wenig freundlicher, dann haben wir beide mehr davon. Küsschen!“ flötete Lotta, stand auf, hüpfte durch die unauffällige Stahltür und warf sie hinter sich zu.

Es ist Sonntagnachmittag. Eine Frau geht die Schomburgstraße, die parallel zur Großen Bergstraße verläuft, Richtung Sankt Pauli hinunter. Sie trägt ein 50er-Jahre-Blumenkleid, flache rote Pumps und ein passendes Haarband. Sie würde an Conny Froboess erinnern, wären da nicht die tiefschwarz gefärbten Haare, Piercings und Tätowierungen, viele Tätowierungen, ein Wimmelbild für Erwachsene, in dem maritime Motive dominieren. Über ihrer Schulter hängt ein Stoffbeutel mit dem Aufdruck A. C. A. B. Ein schwarzer Hund, etwa schäferhundgroß, folgt der Frau. Sein Halsband suggeriert, das Tier interessiere sich für den lokalen Fußballsport.
Im Bolzkäfig an der Ecke Hospitalstraße betreiben Väter und Söhne Leibesübungen. Auf dem Spielplatz dahinter werden Kinder beaufsichtigt, belehrt, gefüttert, getröstet. Der Hund bleibt stehen und schnuppert am Zaun. Die hohen Stimmen der kleinen Menschen sind für die Frau schwer zu ertragen, denn sie hat einen beachtlichen Kater. „Komm weiter, Zora.“, sagt sie. Der Hund läuft schwanzwedelnd voraus.
Nachdem sie ihm die Erlaubnis gegeben hat, überquert der Hund die Virchowstraße, später die Thedestraße. Er läuft im Zickzack über die Grünfläche in Richtung Hotel Stadt Altona, beschnüffelt Kaninchenspuren und findet Markierungen anderer Hunde, die überpinkelt werden müssen.
Die Frau wartet und denkt dabei an den gestrigen Abend. Das Punk-Konzert, ihre Ex-Mitbewohner, die Mexikaner gegen Trump. Der süße Typ mit den straffen Muskeln und Antifa-T-Shirt. Ein guter Abend. Früher hat sie öfter so gefeiert, aber da hatte sie auch noch nicht diesen stressigen Job. Und konnte mehr vertragen.
Die Frau ruft den Hund und geht weiter. Auf dem Grünstreifen liegen Flaschen. Mann, das ist hier die Schomburgstraße und nicht das Schulterblatt! Dass man da seine Flaschen für die Sammler hinstellt, normal. Aber Flaschen gehen halt auch mal kaputt. Und sie hat keinen Bock auf Scherben in der Hundepfote. Eigentlich hat sie auch keinen Bock auf Flaschensammler in ihrer Nachbarschaft. Ihr fällt ein, dass sie gehört hat, letztens gab es hier wieder einen Einbruch.
„Na los, Zora.“ Der Hund überquert die Unzerstraße und läuft zum Hochbunker, um die Beete der Urban-Gardening-Gruppe zu untersuchen. Am Fenster eines der zum Wohnwagen umgebauten Fahrzeuge kläfft ein Artgenosse.
Sind die Graffiti am Bunker eigentlich echte OZ, oder in memoriam? Sie könnte ja mal fragen, aber mit den Leuten da hat sie es nicht so. Hippies oder Hipster, beides nicht ihr Ding. Ist auch nicht so wichtig. Wenn der arme Kerl nicht beim Kringelsprayen vor die S-Bahn gelaufen wäre, hätte sie wahrscheinlich nie von ihm gehört, war ja nicht gerade ein Banksy. Sie checkt mit einem Blick die Umsonstbox, die ist leer, und geht unter dem Rosenbogen hindurch in den Walter-Möller-Park.
Hinter dem Bunker kommt ein ausgemergelter Transvestit aus dem Gebüsch, eilt Richtung Luise-Schroeder-Straße, überquert diese und verschwindet zwischen Moschee und Obdachlosenhilfe. Die Frau stöhnt. Nachts auf dem Hamburger Berg gehören diese Leute dazu, sind sogar wichtig. Sankt Pauli bei Nacht, das ist nicht lauschig, das ist krass und kinky. Aber die Nacht ist vorbei und das hier ist nicht der Kiez. Das hier ist der Walter-Möller-Park und sie hat einen Höllenkater. Sie will jetzt kein Elend, sie will einfach nur den Hund ausführen.
Wo ist der überhaupt? Das Tier beschnüffelt gerade einen Yorkshire Terrier, der von einer Frau mit Pferdeschwanz an der Leine geführt wird. Die andere Frau lächelt komplizenhaft und sagt irgendwas, so von Hundemama zu Hundemama. Sie nickt nur und geht weiter Richtung Fußgängerbrücke, der Hund hinterher. Smalltalk mit Spießern geht heute echt nicht.
Sie ist auf der Höhe des Kinderspielplatzes, da ruft eine männliche Stimme: „Hallo? Nehmen Sie bitte den Hund an die Leine!“
Ist der Bürgernahe Beamte auch sonntags unterwegs? Sie pfeift den Hund bei Fuß und angelt in ihrem Stoffbeutel nach der Leine. Oha, der A .C. A. B.-Aufdruck. Sie dreht den Beutel mit der Schrift nach innen, nicht dass der Bulle sich auskennt und die Behauptung „All cops are bastards“ persönlich nimmt. Als sie jedoch aufblickt, sieht sie nur einen ernst dreinblickenden Mann in ihrem Alter, mit Turnschuhen, Jeans und Outdoorjacke.
„Wie bitte?“
„Der Hundespielplatz ist da hinten. Hier vorne ist der Kinderspielplatz.“
„Mein Hund geht nicht auf den Spielplatz.“
„Trotzdem ist hier Leinenpflicht.“
„Hm ... Und du bist hier der Ordnungshüter?“
Er sieht herüber zum Spielplatz. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder von einem Hund angefallen werden.“
„Mein Hund fällt niemanden an.“
„Das sagen alle. Und dann passiert trotzdem was.“
Ihr Hund steht neben ihr und sieht sie an. Mit einer kleinen Handbewegung lässt sie das Tier Sitz machen, dann Platz, und dann Toter Hund.
„Süß. Aber viele Kinder haben einfach Angst vor Hunden.“
„Ja, wenn die Eltern ihnen das vormachen.“
„Sie haben wohl keine Kinder, was?“
Langsam hat sie genug von dem Outdoorjackentypen.
„Nein, im Gegensatz zu anderen bin ich nicht zu blöd zum Verhüten.“
„Also, mir reicht es jetzt. Entweder Sie nehmen Ihren Hund an die Leine oder ich rufe die Polizei. Dann ...“
Lautes Grölen unterbricht ihn. Die Streitenden blicken in die Richtung, aus der der Lärm kommt, und sehen eine Flasche fliegen. Werfer und Beworfener sind zwei junge Männer, offensichtlich betrunken, die sich in einer fremden Sprache anschreien. Der Beworfene springt zur Seite, Scherben verteilen sich über den Fußweg und den angrenzenden Rasen.
„Ey!“, rufen die Frau und ihr Gegenüber unisono und blicken sich kurz aus den Augenwinkeln an, überrascht ob der plötzlichen Einigkeit.
Der Werfer entgegnet etwas, wieder in der fremden Sprache, zeigt den Mittelfinger und sucht, seinem Kontrahenten folgend, das Weite.
Die Frau dreht sich zu dem Mann mit der Outdoorjacke um.
„Ja, mach doch, ruf die Bullen! Die sollen sich erst mal um die hier kümmern!“ Da der Mann schweigt, redet sie weiter. „Du machst Stress wegen deiner Hundephobie, und dass die Asis hier den Park einsauen, ist egal, oder was?“
„Nein, das ist natürlich nicht egal, da muss dringend etwas passieren.“
„Allerdings!“
Er sieht die Scherben auf dem Gehweg an, dann wieder sie: „Hier müssen sich alle benehmen!“
Sie ist nicht sicher, ob er damit immer noch sie meint, und sagt: „Was hier so rumläuft ... Die sind ja zum Teil richtig gefährlich!“
Er nickt. „Wenn ich in einem anderen Land zu Gast bin, dann benehme ich mich doch auch wie ein Gast! Dann bin ich doch dankbar! Sonst muss ich eben wieder gehen!“
„Ganz genau!“ Endlich hat er kapiert, dass nicht sie das Problem ist.

„Ist hier ein AfD-Treffen oder was?“ Eine junge Punkerin sieht beide verächtlich an. „Scheiß Nazi-Hipster!“ Weg ist sie.

Der Frau ist schwindelig. Ihre Kopfschmerzen sind kaum noch zu ertragen. Alles wegen dem Outdoorjackentypen. Sie lässt ihn einfach stehen, der Hund trottet hinter ihr her. Sie muss nach Hause. Sie wird sich aber wohl an der Großen Bergstraße noch einen Döner holen.


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13. Juli 2017 - 11:10 Uhr

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